Impactsuspect » 2011 » März » 14
Mrz
14
2011
5

Atomstrom

Ihr werdet es vermutlich schon mitbekommen haben. In Japan gab es ein schweres Erdbeben und einen Tsunami. Beides hat dazu geführt, dass die Japaner die Kontrolle über mittlerweile 3 Atomkraftwerke verloren haben.
Die Nachrichten dazu sind teilweise widersprüchlich und reichen von „Alles nicht so schlimm“ bis „Super GAU“.
Dass es sich bei dem, was in Fukushima I passiert um einen GAU handelt, steht nicht wirklich in Frage.


Three Mile Island by ~NoelBoulet on deviantART

Nun geben sich unsere Regierung, die letztes Jahr noch für den Ausstieg aus dem Atomkonsens und für die Laufzeitverlängerung unserer AKWs gestimmt hat und die Atomlobby alle Mühe, uns vielerlei zu erzählen.
Unter anderem wären da:

1. Die Situation in Japan stellt keine Gefahr für Deutschland dar

2. Sowas wie in Japan könnte in Deutschland überhaupt nicht passieren

3. Es ist zynisch jetzt wieder über die Atomkraft zu diskutieren, während in Japan Leute sterben

4. Atomkraftgegner freuen sich jetzt alle hämisch über die Geschehnisse in Japan

5. Jetzt für Ökostrom zu werben ist pietätlos

6. Wer für Atomausstieg ist, der darf auch nicht mehr in einem Flugzeug fliegen.

Über ein zwei dieser Punkte kann man sicher geteilter Meinung sein. Alle anderen sind hingegen schon nach objektiven Kriterien komplett hirnrissig. Ich frage mich, ob es der bedingungslose Profitwillen der Energiekonzerne ist, der ihre Konsorten so einen Schwachsinn reden lässt, ob es die Verblendung dieser Leute ist und sie das selbst glauben oder was die sich sonst dabei denken.

Zu den „Argumenten“:

1. Die Situation in Japan stellt keine Gefahr für Deutschland dar

Woher will man das wissen? Als Tschernobyl hochging durften wir für Jahre keine Pilze mehr sammeln und kein Wild mehr essen, und Tschernobyl ist auch schon ein Stückchen weg. Ein Jahr lang durfte man im Regen nicht raus, ich kann mich noch erinnern, wie das damals war.
Ist es ausgeschlossen, dass sich die Radioaktivität in Japan erhöht, sich der Wind dreht und ein Teil bei uns als radioaktiver Niederschlag ankommt? Ich hab schon Pferde kotzen sehen, und zwar vor der Apotheke. Mit zunehmenden Alter hat sich bei mir sogar die Frequenz der kotzenden Pferde erhöhnt, die ich vor Apotheken stehen sah.

Selbst wenn Deutschland jedoch auf keinen Fall in Gefahr wäre, irgendeinen Schaden von der aktuellen Situation in Japan davonzutragen, was ist daran beruhigend? In Japan sterben weiter Leute. Dass es uns bisher noch gut geht, ist kein Argument für Atomstrom.
Im Gegenteil: Es zeigt doch selbst dem dümmsten Atomstromfetischisten, dass diese Technologie einfach nicht beherrschbar ist, und bei Unfällen gleich riesige Gebiete unbewohnbar werden.

2. Sowas wie in Japan könnte in Deutschland überhaupt nicht passieren

Da würde ich gerne mal die Quellen derer sehen, die das behaupten. Sicher Deutschland ist nicht so erdbebengefährdet wie Japan, aber die AKWs in Japan hätten Erdbeben von „zu erwartender Stärke“ ja auch schadlos überstanden.
Unsere AKWs werden ja wohl auch auf „zu erwartende“ Erdbebenstärken ausgelegt sein, oder? Und Ja: Auch in Deutschland haben wir Atomkraftwerke in Erdbebengebieten: Die „in Deutschland kann das nicht passieren“ Lüge
Tsunamis kann es auch hier geben, wenn es zu Erdbeben in Norwegen kommt, zum Beispiel. Das ist nicht wirklich ausgeschlossen. Ausserdem gibt es in Deutschland dann auch gerne mal eine verheerende Sturmflut alle paar Jahrzehnten. Brunsbüttel liegt direkt am Meer.
Der Stand der Technik ist in Japan auch nicht weiter hinterher als hier. Man kann davon ausgehen, dass die in Punkto Katastrophenschutz sogar erheblich weiter sind, als wir. Wäre dem nicht so, wären die Auswirkungen des Erdbebens dort noch verheerender als sowieso schon.

3. Es ist zynisch jetzt wieder über die Atomkraft zu diskutieren, während in Japan Leute sterben

Es ist zynisch – und vor allem strunzdumm – weiter an ihr festzuhalten, während in Japan Leute sterben.
Nachtrag: Und selbst im traditionell eher wirtschaftsfreundlichen Handelsblatt kann man sich diesem Argument nicht anschließen.

4. Atomkraftgegner freuen sich jetzt alle hämisch über die Geschehnisse in Japan

Wer das glaubt, ist lediglich dumm genug keine Angst zu bekommen, wenn er sieht, was in Japan passiert. Dort hat es entweder schon eine Kernschmelze gegeben, oder sie wird seit Tagen erwartet. Die Nachrichten sind eher uneinheitlich, Grund zur Sorge gibt es aber allemal.
Grob vereinfacht bekommen die Japaner ihren Reaktor (mindestens einen) nicht mehr ausgeschaltet, obwohl ihr Leben davon abhängt. Die Brennstäbe brennen vor sich hin, und man kann nichts dagegen unternehmen.
Das passt auf die Definition von „außer Kontrolle“. Da freut sich niemand hämisch drüber, da hat man eine Scheißangst vor.
Eine Scheißangst, dass das hier passieren könnte. Und ausgeschlossen – Siehe Punkt 2 – ist das eben nicht.

5. Jetzt für Ökostrom zu werben ist pietätlos

Mal abgesehen davon, dass die Atomlobby sich in den letzen Jahren alle Mühe gegeben hat, Atomenergie als Ökostrom auszugeben – so lächerlich das auch sein mag – ist es wohl eher pietätlos jetzt noch weiter für Atomenergie einzustehen.
Immerhin handelt es sich nicht um den ersten GAU in den letzten 30 Jahren, sondern um den mindestens dritten. Und auch nur um den dritten, wenn man die jetzt außer Kontrolle geratenen AKWs in Japan nicht einzeln zählt. Sonst ist es der vierte, fünfte oder sechste.
Warum man als Atomkraftgegner plötzlich für Atomkraft sein soll, wenn den Japanern gleich mehrere Kraftwerke um die Ohren fliegen, diese Logik erschließt sich wohl auch nur denen, die an Atomstrom verdienen.

6. Wer für Atomausstieg ist, der darf auch nicht mehr in einem Flugzeug fliegen.

Ein Flugzeug kann abstürzen. Bei so etwas hat es bisher bis zu 600 Opfer gegeben. Bei 911, wo Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden, hat es etwa 3000 Tote gegeben.
Danach konnte man die Trümmer wegräumen, und selbst Ground Zero ist prizipiell heute wieder gefahrlos begehbar.
Wenn ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, dann sind nicht nur die Opferzahlen sehr viel höher, sondern es wird auch noch ein Gebiet auf unabsehbare Zeit unbewohnbar, das groß genug ist, UM ES VOM WELTRAUM AUS SEHEN ZU KÖNNEN. Man kann dort zwar hingehen, und ganz schnell wieder rausgehen, stirbt aber dann trotzdem irgendwann daran. Außerdem sieht man Radioaktivität nicht wirklich kommen.
Flugzeugabstürze lassen sich nicht wirklich mit GAUs vergleichen.

Selbst wenn all diese Argumente treffen würden, weiß man übrigens bis heute nicht, was man mit Atommüll machen soll.
Man kutschiert ihn entweder durch Deutschland, mit irgendwelchen Castorzügen, lagert ihn in Russland irgendwo unter freiem Himmel, lagert ihn in Deutschland irgendwo zwischen, wo den Mist keiner haben will oder man lagert ihn in Deutschland irgendwo END, wo ihn auch keiner haben will, und wo bald schon alles einstürzt.

Wie man in Anbetracht all dessen im Ernst noch für Atomkraft reden kann ist mir schleierhaft, aber sowas von.


roads to tschernobyl IV by ~mr-pitz on deviantART

Written by Heiko C. in: Dreistigkeiten,Technisches,Wahnhaftes | Schlagwörter: , ,

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Ihr werdet es vermutlich schon mitbekommen haben. In Japan gab es ein schweres Erdbeben und einen Tsunami. Beides hat dazu geführt, dass die Japaner die Kontrolle über mittlerweile 3 Atomkraftwerke verloren haben.
Die Nachrichten dazu sind teilweise widersprüchlich und reichen von „Alles nicht so schlimm“ bis „Super GAU“.
Dass es sich bei dem, was in Fukushima I passiert um einen GAU handelt, steht nicht wirklich in Frage.


Three Mile Island by ~NoelBoulet on deviantART

Nun geben sich unsere Regierung, die letztes Jahr noch für den Ausstieg aus dem Atomkonsens und für die Laufzeitverlängerung unserer AKWs gestimmt hat und die Atomlobby alle Mühe, uns vielerlei zu erzählen.
Unter anderem wären da:

1. Die Situation in Japan stellt keine Gefahr für Deutschland dar

2. Sowas wie in Japan könnte in Deutschland überhaupt nicht passieren

3. Es ist zynisch jetzt wieder über die Atomkraft zu diskutieren, während in Japan Leute sterben

4. Atomkraftgegner freuen sich jetzt alle hämisch über die Geschehnisse in Japan

5. Jetzt für Ökostrom zu werben ist pietätlos

6. Wer für Atomausstieg ist, der darf auch nicht mehr in einem Flugzeug fliegen.

Über ein zwei dieser Punkte kann man sicher geteilter Meinung sein. Alle anderen sind hingegen schon nach objektiven Kriterien komplett hirnrissig. Ich frage mich, ob es der bedingungslose Profitwillen der Energiekonzerne ist, der ihre Konsorten so einen Schwachsinn reden lässt, ob es die Verblendung dieser Leute ist und sie das selbst glauben oder was die sich sonst dabei denken.

Zu den „Argumenten“:

1. Die Situation in Japan stellt keine Gefahr für Deutschland dar

Woher will man das wissen? Als Tschernobyl hochging durften wir für Jahre keine Pilze mehr sammeln und kein Wild mehr essen, und Tschernobyl ist auch schon ein Stückchen weg. Ein Jahr lang durfte man im Regen nicht raus, ich kann mich noch erinnern, wie das damals war.
Ist es ausgeschlossen, dass sich die Radioaktivität in Japan erhöht, sich der Wind dreht und ein Teil bei uns als radioaktiver Niederschlag ankommt? Ich hab schon Pferde kotzen sehen, und zwar vor der Apotheke. Mit zunehmenden Alter hat sich bei mir sogar die Frequenz der kotzenden Pferde erhöhnt, die ich vor Apotheken stehen sah.

Selbst wenn Deutschland jedoch auf keinen Fall in Gefahr wäre, irgendeinen Schaden von der aktuellen Situation in Japan davonzutragen, was ist daran beruhigend? In Japan sterben weiter Leute. Dass es uns bisher noch gut geht, ist kein Argument für Atomstrom.
Im Gegenteil: Es zeigt doch selbst dem dümmsten Atomstromfetischisten, dass diese Technologie einfach nicht beherrschbar ist, und bei Unfällen gleich riesige Gebiete unbewohnbar werden.

2. Sowas wie in Japan könnte in Deutschland überhaupt nicht passieren

Da würde ich gerne mal die Quellen derer sehen, die das behaupten. Sicher Deutschland ist nicht so erdbebengefährdet wie Japan, aber die AKWs in Japan hätten Erdbeben von „zu erwartender Stärke“ ja auch schadlos überstanden.
Unsere AKWs werden ja wohl auch auf „zu erwartende“ Erdbebenstärken ausgelegt sein, oder? Und Ja: Auch in Deutschland haben wir Atomkraftwerke in Erdbebengebieten: Die „in Deutschland kann das nicht passieren“ Lüge
Tsunamis kann es auch hier geben, wenn es zu Erdbeben in Norwegen kommt, zum Beispiel. Das ist nicht wirklich ausgeschlossen. Ausserdem gibt es in Deutschland dann auch gerne mal eine verheerende Sturmflut alle paar Jahrzehnten. Brunsbüttel liegt direkt am Meer.
Der Stand der Technik ist in Japan auch nicht weiter hinterher als hier. Man kann davon ausgehen, dass die in Punkto Katastrophenschutz sogar erheblich weiter sind, als wir. Wäre dem nicht so, wären die Auswirkungen des Erdbebens dort noch verheerender als sowieso schon.

3. Es ist zynisch jetzt wieder über die Atomkraft zu diskutieren, während in Japan Leute sterben

Es ist zynisch – und vor allem strunzdumm – weiter an ihr festzuhalten, während in Japan Leute sterben.
Nachtrag: Und selbst im traditionell eher wirtschaftsfreundlichen Handelsblatt kann man sich diesem Argument nicht anschließen.

4. Atomkraftgegner freuen sich jetzt alle hämisch über die Geschehnisse in Japan

Wer das glaubt, ist lediglich dumm genug keine Angst zu bekommen, wenn er sieht, was in Japan passiert. Dort hat es entweder schon eine Kernschmelze gegeben, oder sie wird seit Tagen erwartet. Die Nachrichten sind eher uneinheitlich, Grund zur Sorge gibt es aber allemal.
Grob vereinfacht bekommen die Japaner ihren Reaktor (mindestens einen) nicht mehr ausgeschaltet, obwohl ihr Leben davon abhängt. Die Brennstäbe brennen vor sich hin, und man kann nichts dagegen unternehmen.
Das passt auf die Definition von „außer Kontrolle“. Da freut sich niemand hämisch drüber, da hat man eine Scheißangst vor.
Eine Scheißangst, dass das hier passieren könnte. Und ausgeschlossen – Siehe Punkt 2 – ist das eben nicht.

5. Jetzt für Ökostrom zu werben ist pietätlos

Mal abgesehen davon, dass die Atomlobby sich in den letzen Jahren alle Mühe gegeben hat, Atomenergie als Ökostrom auszugeben – so lächerlich das auch sein mag – ist es wohl eher pietätlos jetzt noch weiter für Atomenergie einzustehen.
Immerhin handelt es sich nicht um den ersten GAU in den letzten 30 Jahren, sondern um den mindestens dritten. Und auch nur um den dritten, wenn man die jetzt außer Kontrolle geratenen AKWs in Japan nicht einzeln zählt. Sonst ist es der vierte, fünfte oder sechste.
Warum man als Atomkraftgegner plötzlich für Atomkraft sein soll, wenn den Japanern gleich mehrere Kraftwerke um die Ohren fliegen, diese Logik erschließt sich wohl auch nur denen, die an Atomstrom verdienen.

6. Wer für Atomausstieg ist, der darf auch nicht mehr in einem Flugzeug fliegen.

Ein Flugzeug kann abstürzen. Bei so etwas hat es bisher bis zu 600 Opfer gegeben. Bei 911, wo Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden, hat es etwa 3000 Tote gegeben.
Danach konnte man die Trümmer wegräumen, und selbst Ground Zero ist prizipiell heute wieder gefahrlos begehbar.
Wenn ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt, dann sind nicht nur die Opferzahlen sehr viel höher, sondern es wird auch noch ein Gebiet auf unabsehbare Zeit unbewohnbar, das groß genug ist, UM ES VOM WELTRAUM AUS SEHEN ZU KÖNNEN. Man kann dort zwar hingehen, und ganz schnell wieder rausgehen, stirbt aber dann trotzdem irgendwann daran. Außerdem sieht man Radioaktivität nicht wirklich kommen.
Flugzeugabstürze lassen sich nicht wirklich mit GAUs vergleichen.

Selbst wenn all diese Argumente treffen würden, weiß man übrigens bis heute nicht, was man mit Atommüll machen soll.
Man kutschiert ihn entweder durch Deutschland, mit irgendwelchen Castorzügen, lagert ihn in Russland irgendwo unter freiem Himmel, lagert ihn in Deutschland irgendwo zwischen, wo den Mist keiner haben will oder man lagert ihn in Deutschland irgendwo END, wo ihn auch keiner haben will, und wo bald schon alles einstürzt.

Wie man in Anbetracht all dessen im Ernst noch für Atomkraft reden kann ist mir schleierhaft, aber sowas von.


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