Apr
30
2010

Wie man eine Star-Trek Serie macht

Ein paar simple Regeln, durch deren Beachtung auch Sie eine Star-Trek Serie machen können:

I. Die Protagonisten:

1.) Ihre Serie dreht sich um ein Vehikel, dass den Weltraum bereist. Dies ist idealerweise ein Raumschiff, gerne das Flagschiff der Sternenflotte. In Einzelfällen ist aber euch eine Raumstation okay, wenn sich neben ihr ein Wurmloch befindet, welches hin und wieder fremde Welten, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen ausstößt. (Enterprise – Enterprise – Deep Space Nine – Voyager – Enterprise)


Star Trek: Deep Space Nine by ~shintetsuya on deviantART

2.a) Der Käpt’n sollte nach Möglichkeit aus dem nordamerikanischen Raum stammen. Ist dies aus irgendwelchen Gründen nicht wünschenswert, und man möchte lieber einen britischen Schauspieler, der einen französischen Käpt’n spielt, so reicht es, wenn der erste Offizier aus Alaska stammt.

2.b) Die Chemie zwischen Käpt’n und erstem Offizier muss immer nach folgendem Schema funktionieren: Der eine ist immer der aufbrausende, emotionale und draufgängerische, der andere hingegen logisch und abwartend. Manchmal ist einer von beiden eine Frau. (Kirk/Spock – Picard/Riker – Sisko/Kira – Janeway/Chakotay – Archer/T’Pol)


Kirk and Spock by *trev-solo on deviantART

3.) Der Bordarzt ist in den meisten Fällen mürrisch, zynisch und beschwert sich ständig über irgendwas. (McCoy, Pulasky, Doctor)

4.) Haben Sie immer mindestens einen Außerirdischen in der Brückencrew des Vehikels, um dass sich ihre Serie dreht. Die Föderation besteht immerhin aus tausenden verschiedenen Spezies, also kann nicht die ganze Crew aus Menschen bestehen. (Spock, Worf, Dax, Tuvok, T’Pol)

5.) Jede Star-Trek Serie hat nach Möglichkeit eine Hauptfigur zu haben, mit der sich der Zuseher identifizieren kann, und die daher am Ende keiner leiden kann (Wesley Crusher). Diese Figur eignet sich später auch hervorraged dafür, dass ihr seltsame Dinge zustoßen (Harry Kim). (Weitere Beispiele: Jake Sisko, Checkov,Toshi  Sato)

6.) Jede Star-Trek Serie braucht auch eine Comic-Relief Rolle, gerade auch weil der Rest der Crew meist sehr bierernst ist. (Checkov, Barclay/Data, Quork, Neelix, Phlox)

II. Die Antagonisten:

1.) Obwohl sie im Prinzip in jeder Folge neue Feinde nach unseren Protagonisten werfen können – immerhin machen wir ja Star Trek – zahlt es sich aus, ein paar Stockbösewichte auf Halde zu haben.
Diese sollten als latente Bedrohung existieren, bis man mal wieder dringend jemanden für eine Storyline braucht, der angreift. (Klingonen, Romulaner, Cardassianer, Dominion, Kazon undwiesiealleheißen)


Klingons by ~stitchsdad on deviantART

2.) Für feindliche Alienrassen, die nur in wenigen Folgen auftauchen empfielt es sich ein soziologisches, technologisches oder anderes Problem ins Extrem zu denken, und es dann zum Prmärattribut dieser Alienrasse zu machen. So kann man ganz nebenbei – und ohne dass der Durchschnittszuschauer es merkt – ein klein wenig Gesellschaftskritik üben. (Borg, Malon, Vidianer uvm.)

3.) Man kann jemanden auf das Protagonistenschiff setzen, der sich dann später als Bösewicht entpuppt, dies hat sich bisher jedoch nicht als sehr erfolgreich herausgestellt. (Seska)

III. Storytelling:

1.) Man konfrontiere sein Protagonistenschiff mit einer seltsamen Anomalie, einer außerirdischen Rasse oder einem Kriminalfall, wodurch seltsame Dinge passieren. Am Ende der Folge löse man alles auf.
Die Auflösung kann durch Deus Ex Machina Protagonisten vorgenommen werden (Spock, Data, Doctor, 7of9) oder durch Technobabble erreicht werden. (Star Trek, TNG, DS9, Voyager, Enterprise)

2.) Man achte möglichst darauf, dass der in der Serie etablierte Status Quo nicht durch einzelne Folgen beeinträchtigt wird. Da in einer Star Trek Serie verschiedene Autoren die Folgen schreiben, ist es besser, wenn der Status Quo nach einer Folge noch genau derselbe ist wie vorher. Dies hat den Vorteil, dass Fernsehsender die Folgen in beinahe beliebiger Reihenfolge zeigen können.
Ebenso können neue Zuschauer in jeder Folge dazukommen, ohne dass sie sich fragen müssen, was zum Henker eigentlich vorgeht. (Star Trek, TNG, Voyager)

3.) Jede Serie sollte zumindest entweder eine Nazifolge oder eine Folge haben, die im Spiegeluniversum spielt. (Star Trek, DS9, Voyager, Enterprise)

4.) Das Holodeck ist eine prima Erfindung. Wenn es kaputt geht, kann die Crew abgedrehte Abenteuer erleben, die formell anderen Genres als der Science Fiction zuzuordnen sind. (TNG, DS9, Voyager)

Nachtrag: Übertreiben Sie hier nicht, sonst wird sich der Zuseher irgendwann fragen, warum eigentlich kein Weltraum-Beckstein auftaucht, der Killerspiele verbieten will. (TNG)

5.a) Zeitreisen sind eine prima Erfindung, um die Crew Abenteuer erleben zu lassen die ansonsten nicht in den Status Quo der Serie passen würden, oder um die Crew starke Gefühle erleben zu lassen, die am Ende dann doch keine Konsequenzen haben. (Star Trek, TNG, DS9, Voyager, Enterprise)

5b.) Das gleiche gilt für Parallelwelten und durch außerirdische Technologie vorgegaukelte alternative Leben. (Star Trek, TNG, DS9, Voyager, Enterprise)

6.) Wenn Ihnen gar nichts mehr einfällt, können Sie auch ein Wesen mit unbegrenzter Macht mit ihrer Crew interagieren lassen. So können Sie Ihre Leute viele abgedrehte Abenteuer erleben lassen, die am Ende keine Konsequenzen haben. (Trelane, Apoll, Q)

7.) Vermeiden Sie nach Möglichkeit Doppelfolgen, oder legen Sie diese an das Ende einer, und den Anfang der nächsten Staffel.

8.) Foltern Sie in zumindest einer Folge Ihren Käpt’n! Zeigen Sie hierdurch wie charakterstark er ist, und was er alles einstecken kann. Auch hier genügt es auch in einigen Fällen den ersten Offizier zu foltern.  (Star Trek, TNG, Voyager)

Written by Heiko C. in: Kurzrezensionen | Schlagwörter: ,

12 Comments »

  • Hey, Heiko, da hast du ja mal wieder eines meiner Lieblingsthemen erwischt.

    Vor ein paar Wochen habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe mir die erste (Mission Farpoint) und letzte (Gestern, heute, morgen) Folge von TNG besorgt (sowieso die beste Serie von allen) und sie mir hintereinander angeschaut. Das ergibt einen ganz respektablen Spielfilm von etwas über zwei Stunden. Und es hat nichts gefehlt. Die Story ist damit komplett erzählt, hatte ich den Eindruck, und alle Charaktere sind vollständig ausgereizt.

    Dann hätte ich hier noch eine Anleitung, wie man eine im Prinzip erfolgreiche Serie vollständig kaputtoptimiert.

    Man berücksichtigt einfach sämtliche von irgendwelchen Spezialisten, Gruppen und Randgruppen geäußerten Kritiken an einer Serie und baut diese in eine neue Serie ein.

    Das Raumschiff sieht zu altmodisch aus? Wir optimieren es und machen es so stromlinienförmig (warum eigentlich?), bis nichts mehr von seiner charakteristischen Form übrig bleibt und es aussieht wie eine tote Scholle auf Stelzen (Voyager).

    Wir berücksichtigen unbedingt alle gesellschaftlichen (Rand-)Gruppen in der Serie, ohne jemals jemanden zu benachteiligen.

    Es gab noch keine weiblichen Captains? Kein Problem, Frau Janeway ist härter, logischer, emotionaler, gerechter und kompetenter als alle männlichen Captains zusammen jemals sein könnten.

    Farbige Schauspieler tauchten bisher nur in menschlicher Gestalt auf (Uhura, LaForge, Sisko)? Natürlich gibt es auch schwarze Vulkanier (Tuvok).

    Bisher gab es nur moralisch absolut korrekte Hauptdarsteller? Kein Problem, ein Ex-Knacki in der Stammcrew schafft Abhilfe (Tom Paris).

    Nur höchst-dekorierte Sternenakademieabsolventen mit mindestens drölf Jahren härtester Ausbildung schaffen es in die Crew? Wo bleibt das Bildungsprekariat? Wird eingebaut, in Form eines nervigen, exzentrischen Kantinenkochs, den man nachträglich noch schnell zum Moraloffizier ernennt (Nilix). Dritter Bildungsweg sozusagen.

    Hoppla, da hat sich doch ein Verband der nordamerikanischen Ureinwohner beschwert, sie würden nicht ausreichend berücksichtigt. Schnell noch ein Indianer als Offizier in die Crew (Chakotay).

    Das Erfolgsmodell Android/Data ist ausgereizt, aber ohne (Halb-)Künstliche Lebensformen geht es natürlich nicht. Also wird ambulant ein Hologramm zur Lebensform ernannt. Wie hätte man das Androidenkonzept auch sonst steigern können?
    Und weil wir natürlich moralisch überlegen sind und unsere Feinde respektieren, wird 7of9 behutsam entborgt. Kleiner Nachhilfelehrgang in Integrationspolitik sozusagen.

    Und wenn das alles nicht langt, muss auch noch das Thema Widerstandsgruppen untergebracht werden. Die mutigen Marquis, sympathiche Outlaws wider Willen, finden notgedrungen ihren Weg zurück in die ehrenwerte Gesellschaft der Föderationselite.

    Technisch muss ja auch noch was zu machen sein, was vorher nicht ging. Warp-Antrieb ist langweilig? Macht nichts, jetzt gibt es ja den nagelneuen Slipstream. Hologeneratoren sind zu sperrig? Wir importieren einfach ein portables Gerät aus der Zukunft. Und ein paar Tachyonen und ähnlich exotische Teilchen und Strahlen werden sich auch noch finden.

    Fehlt noch was? Wie wäre es mit rassenübergreifenden Liebesbeziehungen? Mischlingen aller Art? Ein paar Soap-Opera-Elementen aus Liebe, Hass und Eifersucht? Edle und weniger edle Wilde? Telepathie? Behinderungen? Klar, kommt alles mit rein. Niemand soll zu kurz kommen. Was bleibt übrig? Eine Serie, die absolut alle Zielgruppen ansprechen soll, niemanden benachteiliget, aber bei kaum einem Zuschauer mehr wirklich Begeisterung auslösen kann.

    Aber sonst fand ich’s gut 😉

    P.S.: Trelane und Apoll musste ich jetzt nachschlagen, in TOS bin ich nicht so fit, fällt mir auf.

    P.P.S.: Sorry, jetzt habe ich deinen Kommentarbereich zugespammt – ging mir schon so lange im Kopf rum. Tja, die wirklich wichtigen Dinge im Leben 😉

    Comment | 30. April 2010
  • Nebengedanke zum Holodeck: Lassen Sie ruhig den einen oder anderen Störfall geschehen, aber übertreiben Sie es nicht. Sonst fragt sich nämlich selbst der dümmste anzunehmende Zuschauer irgendwann, warum dieses gefährliche Dings nicht längst dichtgemcht wurde (eine Regel, die bei TNG eklatant verletzt wird).

    Comment | 30. April 2010
  • Heiko C.

    @Broca-Areal Den Gedanken nehme ich gerne mit auf. 🙂

    @order_by_rand Ich find‘ Voyager hatte ein paar klasse Ideen. Gerade der Doctor gehört dazu. Und Mischehen gehören von Anfang an zu Star Trek: Immerhin ist Spock nur Halbvulkanier. 😉

    Comment | 30. April 2010
  • Die Ideen sind nicht das Problem. Jede einzelne für sich hat was und genau das macht ja Startrek aus, dass die Unmöglichkeiten ausphantasiert werden.
    Und die Mischlinge gehören natürlich auch dazu, das schafft sowas wie eine geistige Verbindung zwischen unserer Menschenwelt und den vorkommenden außerirdischen Zivilisationen.
    Was mich bei Voyager nervt ist eigentlich diese zwanghafte amerikanische Political Correctness. Da fehlt der Mut von Roddenberry, es auch mal richtig knallen zu lassen. Die Wut von Picard auf die Borg, die Konflikte zwischen Offizieren, gebrochene Gesetze, moralisch fragwürdige Entscheidungen oder die draufgängerische Art von Kirk. Das fand ich einfach sympathisch. Und bei Berman und anderen fehlt dieser gewisse Kick, die unerwarteten Gedankensprünge und letztendlich auch die Eigenständigkeit der Charaktere.
    Naja, ich hab Voyager und DS9 trotzdem gerne gesehen. Aber irgendwas hat mir dabei immer gefehlt.

    Comment | 30. April 2010
  • Ach ja, Nachtrag zum Holodeck:
    Ich finde das bei DS9 ziemlich realistisch, dass die Holokabinen hauptsächlich der Triebabfuhr dienen. Wenn jemals sowas erfunden wird, dürfte das die erste marktfähige Anwendung sein 😉

    Comment | 30. April 2010
  • Heiko C.

    Das Holodeck wird ja auch in Voyager ein paar Mal dazu verwendet den Vulkaniern an Bord ein wenig Erleichterung zu verschaffen, wenn sie gerade brünftig sind. Dass die Macher von Voyager das Pon Farr überhaupt auf dem Plan hatten, dafür gebührt ihnen großes Kontinuitäts-Lob. ^^

    Comment | 30. April 2010
  • Oh ja, allerdings. Gerade mit der Kontinuität hatten die ja oft genug Schwierigkeiten. Schau dir nur mal die Blitz-Evolution der Klingonen oder Ferengi an.

    Übrigens gibt es ein tolles Buch über die physikalischen Hintergründe von Star Trek.
    http://www.amazon.de/Die-Physik-von-Star-Trek/dp/3453109813

    Er schreibt sehr verständlich und auch ‚verständnisvoll‘, versucht also immer noch ein Fünkchen Wahrheit oder Möglichkeit in dem ganzen Technobabble zu finden.

    Comment | 30. April 2010
  • Was die Charaktere betrifft: Ich glaube, das ist weniger der „Political Correctness“ geschuldet als den Ergebnissen von Markt- und Meinungsforschung. Da wurde halt geschaut, daß man allen potentiellen Zielgruppen eine Identifikationsfigur bietet, und deshalb wirken die Charaktere vor allem in den neueren Formaten ab DS9 so steril.
    (Allerdings glaube ich auch, daß auch Wesley Crusher ein Abfallprodukt dieses Prinzips ist. Da ist es allerdings wunderbar nach hinten losgegangen. 😀 )

    Comment | 30. April 2010
  • Mit den physikalischen Hintergründen scheinen sie sich immerhin Mühe zu geben, trotz so Sätzen wie „Die Quantenstruktur seiner RNA wurde verändert.“ (*facepalm*)
    Jedenfalls, wenn die folgende tradierte E-Mail-Konversation (sinngemäß wiedergegeben) keine urbane Legende ist:

    Physikstudenten@beliebige.US_Eliteuni: Hey, das Beamen ist doch völlig unmöglich! Schon mal von der Unschärferelation gehört?

    Startrekstaff.technik@hollywood: Kein Problem. Damit die Atome wieder exakt zueinanderfinden, wurde ja der Heisenberg-Kompensator entwickelt.

    Physikstudenten@beliebige.US_Eliteuni: Faszinierend. Und wie funktioniert das Teil?

    Startrekstaff.technik@hollywood: Danke der Nachfrage – bestens.

    *rofl*

    Comment | 1. Mai 2010
  • @Broca-Areal
    Ja, ich denke auch, dass eher die Marktforschung dahinter steht. Um so schöner, wenn auch mal mutige Produktionen Erfolg haben. Dr. House wäre so ein Fall.

    Die Anekdote mit dem Heisenberg-Kompensator hat auch Krauss in seinem Buch (s.o.) aufgegriffen. Angeblich stammt die Antwort von Gene Roddenberry persönlich.

    Comment | 1. Mai 2010
  • Heiko C.

    Die Blitz-Evolution der Klingonen wurde ja aber in DS9 aufgegriffen, und in Enterprise sogar erklärt:
    Bevor TOS spielt haben die Klingonen genetisch aufgewertete menschliche Embryonen, die aus den eugenischen Kriegen stammen geklaut, und deren Gene in Klingonen hereingemixt. Diese Klingonen sahen dann wie Menschen aus, und diese äußerlichen Merkmale haben sich dann aufgrund einer Seuche verbreitet. ^^
    Na ja, etwas sehr konstruiert, aber man sieht, dass sich da jemand wenigstens Mühe gegeben hat.

    Comment | 1. Mai 2010
  • Oh, das ist ja völlig an mir vorbeigegangen. OK, das gibt einen Extrapunkt für kreative nachträgliche Plausibilisierung.

    Comment | 1. Mai 2010

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