Mrz
17
2010

Populismus Galore

Man weiß ja schon gar nicht mehr, wie man den Spruch „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte“ abwandeln soll, um dem neuen Niveau gesellschaftspolitischen Ekels Ausdruck zu verleihen, auf den einen die Politik nun schon wieder katapultiert hat.

Erst kommt der Bundesaußenguido, und lästert über die bösen HartzIV-Empfänger, die „Leistungsträger“ wie ihn ja ach so viel Geld kosten – ganz im Gegensatz zu den Bankenbailouts, die ja nur das vielfache gekostet haben.
Aber das kann man ja sowieso nicht vergleichen.
Banken sind doch systemrelevant. Im Gegensatz zu Menschen.

Dann kommt Guido mit „Die sollen doch alle Schneeschippen!“ (Zeit) und fühlt sich dann von dem Aufschrei in der Öffentlichkeit auch noch bestätigt.
Zu Guido gäbe es nich mehr zu sagen, zu den Mauschelei-Vorwürfen, und der Art und Weise, wie er sie einfach „ungehörig“ findet, und sich sie „verbietet“ (Tagesspiegel).
Aber das ist hier nicht das Thema.

Statt dessen geht es mit der SPD weiter, deren NRW-Spitzenfrau Hannelore Kraft allen Ernstes fordert, dass Hartzler zum Strassenfegen eingesetzt werden (Süddeutsche). „Arbeit schafft Würde“ ((NRWSPD) übertitelt sie dies – ungeschickt oder wohl kalkuliert – auf ihrem Online-Portal. Nicht nur der Taz fallen lustige Naziwortspiele dazu ein.
Aber das sei ja ganz was anderes, als was wo der Guido fordert! Bei ihr sei das ja optional.
Nur Sanktionen soll es halt geben, wenn man nicht Strassenfegen will. (aufschreibblog)

Klar: „Freiwillig! Strassenfegen! Sofort! Sonst Sanktionen! Ab, ab!“

Super freiwillig, oder? „Freiwillig, sonst Beule!!!“, ist ja im Prinzip auch der Weg, den die FDP für die Hartzler und den Ausbau des Niedriglohnsektors in Deutschland vorgesehen hat.
Eigentlich passen SPD und FDP schon wieder prima zusammen, nur eine Koalition zwischen den beiden Parteien wäre wohl weder sozial noch liberal, und schon gar nicht sozialliberal.

Nagut, da denkt man halt… SPD, die konnte man ja schon bei der letzten Wahl nicht wählen, die sind halt neoliberal geworden… Na und? Passiert halt.
Dann kommt auch schon der neue Tiefpunkt:

In einem Gastbeitrag in der FAZ schreibt ein Herr Professor Gunnar Heinsohn erst einmal seine, durch falsch zitierte Statistiken gefärbte, Sicht der Dinge auf. Der Tenor: Zu wenige Kinder werden geboren, und aus zu vielen von denen, die geboren werden später dumme Menschen.
Die wenigen schlauen Menschen, die das deutsche Volk so hervorbringe, seien aber durch die hohen Sozialabgaben so verärgert, dass viele davon das Land verlassen.
Ob das wirklich an den hohen Sozialabgaben liegt, oden nicht vielleicht eher daran, dass man, wenn man bedürftig ist, nichts mehr dafür bekommt, dass man mal eingezahlt hat, lasse ich für die Beurteilung durch den Leser mal dahingestellt.

Dann verlässt Herr Heinsohn das sichere Gelände der falsch zitierten Statistik, und zitiert statt dessen nicht näher genannte „realistische Szenarien“.
Bald müssten die wenigen schlauen Menschen für all die Dummen und Alten mitverdienen, die in Rente sind, oder HartzIV beziehen.
Und schlimmer noch: Im Vergleich zu den schlauen Menschen in Deutschland, vermehren sich die Hartzler geradezu wie die Karnickel!
Das sehen wir ja auch tagtäglich in den Talkshows am Mittag, oder?

Was also tun? Mehr Geld in die Bildung stecken? Bessere Bildungschancen für Kinder von Geringverdienern schaffen? Nö. Der Vorschlag kommt nicht. Würde ja auch Geld kosten.
Herr Heinsohn schlägt vor – so lautet ja auch der Titel seines Kommentars – die Sozialhilfe einfach mal auf 5 Jahre zu begrenzen, damit die bildungsfernen Gebärapparate nicht mehr so viele Ausschusskinder produzieren.
Dann hat man zwar weniger Kinder, aber man kann ja schlaue Leute aus dem Ausland importieren, wo es noch ein funktionierendes Schulsystem gibt.

Soweit der erfrischend menschenverachtende Kommentar von Herrn Heinsohn.

Vielleicht spekuliert Herr Heinsohn sogar darauf. das Schulsystem – bis auf ein paar Privatschulen vielleicht – in Deutschland ganz abzuschaffen, und ganz ins Ausland outzusourcen. Da müsste man da ja noch weniger Sozialabgaben zahlen. Seiner Argumentation folgend, wäre das eine „logische“ Weiterführung.

Ich Frage mich: Und was passiert mit den Ex-HartzIV Empfängern? Nun erst einmal werden die sich noch mehr um die Jobs kloppen als sowieso schon. Heute will schon keiner wirklich auf HartzIV angewiesen sein, aber wenn man es nur noch 5 Jahre bekommt, werden es sicher einige noch eiliger haben einen Job zu bekommen.
Da es nun aber nicht genug Jobs gibt, und Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, können die Löhne im Niedriglohnsektor noch weiter gesenkt werden.
Wenn es Menschen gibt, die NIX mehr kriegen, braucht man den Leuten erst recht nicht mehr genug zahlen, damit sie menschenwürdig leben können. Es reicht ja, wenn sie sich ’ne Dose Katzenfutter zum Essen kaufen können, damit sie am nächsten Tag wiederkommen.
Viele werden Betteln gehen müssen. Zahlreiche werden erfrieren oder vielleicht sogar verhungern. Aber dann ist man sie ja auch los, und muss nur noch einmalig ihre Beerdigung bezahlen.

Die neoliberalen Geldsäcke werden jubeln!

Da fragt man sich wirklich, was als nächstes kommen soll.
…und das schärfste an der ganzen Sache ist noch, dass ich als Steuerzahler den feinen Herrn Professor mitfinanzieren muss.

Schöner auseinanderklabüstert, als ich es könnte, hat man den Kommentar übrigens bei Telepolis:

7 Comments »

  • Maschinist

    Man sollte es mal so sehen:

    Die HartzIV-Opfer werden nicht fürs Nichtstun bezahlt.
    – Sie werden bezahlt, um das Eigentum anderer anzuerkennen
    – Sie werden bezahlt, um die bestehende Ordnung anzuerkennen
    – Sie werden bezahlt, um Droh- und Druckkulisse für Beschäftigte zu sein
    – Sie werden bezahlt, um den Volkszorn nicht auf Pleitebanker zu lenken

    Wem der Staat jegliche Existenzsicherung verneint, der wird sich sicherlich nicht mehr an diesen und seine Gesetze gebunden fühlen. Im Gefängnis hat man es zumindest warm und bekommt regelmässig Essen. Das wäre dann eine nachdenkenswerte Option, alles was man dafür tun muss ist einen schlauen Professor angreifen…

    Comment | 17. März 2010
  • Heiko C.

    Wenn ein Drittel der Deutschen – oder mit was für Zahlen der da jongliert – auf der Strasse sitzen, und nix zu futtern haben, braucht sich die Elite jedenfalls erstmal keine Sorgen mehr drüber zu machen, wo sie qualifizierte Leute aus dem Ausland herbekommen.
    Welche qualifizierte Fachkraft zieht schon freiwillig in ein Bürgerkriegsland?

    Und der Mann ist Soziologe?! Ich versteh‘ sowas echt nicht. 🙁

    Comment | 17. März 2010
  • order_by_rand

    In Deutschland gibt es ja leider eine gewisse Tradition, irgendwelche Bevölkerungsgruppen pauschal für alles Unglück verantwortlich zu machen und entsprechende Lösungen zu deren Reduzierung zu fordern.
    Ganz ehrlich, mir macht das im Moment alles tierisch Angst. Vieles erinnert auch an Weimarer Verhältnisse. Eigentlich können wir nur hoffen und dafür kämpfen, dass unser ziemlich gut konstruiertes Grundgesetz noch eine Weile durchhält.
    Den m( werden wir noch oft bemühen müssen in nächster Zeit.

    Comment | 18. März 2010
  • Heiko C.

    Noch macht mich das alles eher sauer. Wahrscheinlich aber auch nur, weil ich nicht denke, dass irgendeine Mehrheit so einen Scheiß tatsächlich am Grundgesetz vorbei beschließen würde.

    Aber hoffen wir das beste… :-/

    Comment | 18. März 2010
  • Broca-Areal

    @Maschinist: Ich würde dir ja gerne absolut & komplett zustimmen und täte es auch beinahe – wenn in deinem Kommentar nicht ausgerechnet dieses (Un-)Wort „Volkszorn“ stünde. Das ist und bleibt ein Naziwort, das ein denkender Mensch in keinem Zusammenhang (außer als Nazi-Zitat) verwenden sollte.

    Comment | 31. März 2010
  • Heiko C.

    Wusste ich gar nicht, mit dem Volkszorn. Kein Wunder, wo das heutzutage in der Presse auch so inflationär verwendet wird.

    Comment | 31. März 2010
  • […] hab’ ja neulich schon drüber geschrieben, wie die FDP in Form von Guido Westerwelle forderte, HartzIV-Empfänger mögen doch Schneeschippen, […]

    Pingback | 12. April 2010

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