Impactsuspect » XVI. Rechtsfreier Raum der Woche
Okt
20
2009

XVI. Rechtsfreier Raum der Woche

Der RRW geht diese Woche an den PR-Berater Klaus Kocks für seine Transponierung dieser Phrase in maritime Gefilde. Wo andere Leute im Internet einen rechtsfreien Raum, moralfreien Raum oder gar einen rechtsfreien Chaosraum sehen, verlässt Herr Kocks gewohnte Bahnen, und sticht verbal in See, um das Netz zu etwas zu deklarieren, was bald ein „Meer des Unrechts“ werden könnte.
Wer wird daran schuld sein? Na klar: Die Piraten! Arrr!

Irgendwie les ich jede Woche gefühlte TONNEN dieser Rechtsfreier-Raum Artikel und da muss man sich als Autor/Kommentator/Wasauchimmer schon direkt anstrengen, um in meinen Augen hervorzustechen. Nur als Beispiel: Wenn die Polizei von Hinteruffenstedt oder sonstwo mal wieder von irgendwelchen Stadtvierteln, Landkreisen oder Szenekneipen behauptet, sie seien ein rechtsfreier Raum, oder laufen Gefahr ein solcher zu werden, erwähne ich das schon gar nicht mehr. Das passiert einfach zu oft, und im Gegensatz zum Internet sind solche Lokalitäten ja tatsächlich wenigstens Räume. Herr Kocks jedoch schreibt so einen Unsinn zusammen, dass man daran zweifeln muss, ob das alles wirklich so gemeint ist.

Den betreffenden Artikel findet ihr hier, auf der Webseite der Frankfurter Rundschau, in der es ja schon andere abstruse Meinungsbekundungen zu lesen gab.

Herr Kocks beginnt seinen Artikel mit einer kleinen Geschichte der Piraterie, festgemacht an Klaus Störtebecker, dem er erst zugute hält zu recht bewundert zu werden, nur um ihm im nächsten Absatz in die Nähe von Mördern und Vergewaltigern zu rücken.

Mein Namensvetter Klaus Störtebeker („Stürz-den-Becher“) ist zu Recht seit Jahrhunderten ein romantischer Held, weil er seinerzeit den Pfeffersäcken von der Hanse so zusetzte. Aber er war wohl ein schnöder Verbrecher. Piraten wurden nur von jenen geliebt, denen sie nicht die Bäuche aufschlitzten, um deren Töchter zu schänden und Hab und Gut zu versaufen.

Nur so viel. Bodo Hombach, der Preisträger der letzten Woche würde klar widersprechen, schrieb er doch in einem Artikel über das internetmanifest:

Neuere historische Forschung schreibt ausgerechnet den damaligen Freibeutern und Piraten zur See vorbildliche Organisationsstrukturen und ein sozial durchkomponiertes Regelwerk zu.

Aber es geht Herrn Kocks mitnichten darum, mit dem Schutzpatron der WAZ über das Freibeutertum vergangener Tage zu fachsimpeln. Nein, worum es ihm geht, enthüllt er im nächsten Absatz:

Im Hamburgischen Stadtmuseum kann man von diesen Untaten hören und Störtebekers zerborstenen Schädel sehen. Die Hanseaten haben den abgeschlagenen Kopf des Piraten als Generalprävention vor der Stadt aufgespießt. Nehmen wir, die braven Bürger, die Warnung vor den Piraten an? Ich rede natürlich nicht von den Gewässern vor Somalia, sondern einer neuen Partei unserer Tage, die die Existenz von Kunst, Kultur und Journalismus bedroht.

Herr Kocks setzt hier einfach mal (kocksfrech möchte man sagen) die historischen Piraten mit der Piratenpartei gleich, und hält den Schädel Störtebeckers für eine Warnung die Piratenpartei nicht zu wählen. Muss ich das kommentieren? Man mag ja von der Piratenpartei halten was man will, aber „Töchterschändung“ und „Raubzüge“ stehen wohl eher nicht in deren Programm.
Es wirkt billig und irgendwie hilflos Kritik an der bloßen Namensgebung festzumachen. Da könnte man ebensogut argumentieren die CDU sei unwählbar, weil die damals diese menschenverachtenden Kreuzzüge im Mittelalter gemacht haben.
Darüber hinaus bin ich anderer Meinung als Herr Kocks. Die Kunst, Kultur und der Journalismus werden nicht von denen bedroht, die eben diese wichtigen Errungenschaften allen Menschen zur Verfügung stellen wollen, sondern von denen, die durch Abmahnwahn und eine übertriebene Auslegung des Markenrechts Kunst verbieten wollen, die an jahrhunderte alter Kultur verdienen wollen und die durch Lobbyismus die Unabhängigkeit des Journalismus zerstören wollen.

Und jetzt die Internetpiraten. Deren Anliegen betreffen die ungehinderte Nutzung des World Wide Web, jener globalen Informationsmaschine, die unser Leben verändert hat. Aber es geht um mehr als dieses Universum unnützen Wissens, in dem niemand Geld verdient außer der Porno-Industrie, die uns listenreich mit ihrem Müll versorgt.

Dass Herr Kocks hier davon schreibt, dass (unter anderem) ihn die „Porno-Industrie listenreich mit ihrem Müll versorgt“, will ich nur kurz kommentieren: Man muss halt nicht jeden Link in einer Spammail anklicken, wenn das die List ist, von der hier die Rede ist.

Es geht um etwas sehr Fundamentales und Hochumstrittenes zugleich, das Privateigentum.

Das klingt jetzt wieder fast so, als würde einem die Piratenpartei den Wohnzimmertisch klauen, wenn man nicht aufpasst. Was hat „Privateigentum“ mit dem Internet zu tun? Und warum ist Privateigentum überhaupt umstritten? Das alles ergibt auch beim zweiten Hinsehen kaum einen Sinn.

Aber Herr Kocks erklärt sich… Irgendwie…

Man darf noch mal bei Adam Smith nachlesen, wieso der Reichtum der Nationen und damit das Allgemeinwohl auf zwei Dingen beruhen, dem Recht auf Eigentum und dem Wettbewerb aller mit allen.

Wer Freiheit und Sozialismus will, muss Privateigentum und Wettbewerb wollen. Das gilt auch für geistiges Eigentum im Internet. Das sollten wir bei aller Freibeuter-Romantik nicht vergessen.

Was das jetzt allerdings mit der Piratenpartei konkret zu tun hat, bleibt Herr Kocks uns schuldig. Er streift mit seinen Ausführungen zwar „Kids“ die irgendwie im Internet „klauen“ und Kuba, aber so recht stichhaltig und zusammenhängend mögen seine Ausführungen dann doch nicht klingen.

Die Krönung kommt aber zum Abschluss:

Sonst ist das Netz nur noch eine Piratensee, sprich ein Meer des Unrechts. Das klingt völlig uncool, ist aber leider wahr. Piraten, nein danke!

Irgendwie wirkt diese ganze Schreibe weniger wie ein Kommentar in dem eine Meinung dargestellt und begründet wird, als wie die unzusammenhängenden nautischen Reminiszenzen eines pensionierten Piratenjägers, der gerade einen Internetanschluss gelegt bekommen hat.
Die wunderbare Wendung „Das Netz […] ein Meer des Unrechts“, verschafft Herrn Kocks aber immerhin den 16. RRW.
Gratulation!

Written by Heiko C. in: Rechtsfreier Raum der Woche,Wahnhaftes | Schlagwörter: ,

Keine Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment

Keine Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment

Powered by WordPress | Aeros Theme | TheBuckmaker.com WordPress Themes

Powered by WordPress | Aeros Theme | TheBuckmaker.com WordPress Themes

Okt
20
2009

XVI. Rechtsfreier Raum der Woche

Der RRW geht diese Woche an den PR-Berater Klaus Kocks für seine Transponierung dieser Phrase in maritime Gefilde. Wo andere Leute im Internet einen rechtsfreien Raum, moralfreien Raum oder gar einen rechtsfreien Chaosraum sehen, verlässt Herr Kocks gewohnte Bahnen, und sticht verbal in See, um das Netz zu etwas zu deklarieren, was bald ein „Meer des Unrechts“ werden könnte.
Wer wird daran schuld sein? Na klar: Die Piraten! Arrr!

Irgendwie les ich jede Woche gefühlte TONNEN dieser Rechtsfreier-Raum Artikel und da muss man sich als Autor/Kommentator/Wasauchimmer schon direkt anstrengen, um in meinen Augen hervorzustechen. Nur als Beispiel: Wenn die Polizei von Hinteruffenstedt oder sonstwo mal wieder von irgendwelchen Stadtvierteln, Landkreisen oder Szenekneipen behauptet, sie seien ein rechtsfreier Raum, oder laufen Gefahr ein solcher zu werden, erwähne ich das schon gar nicht mehr. Das passiert einfach zu oft, und im Gegensatz zum Internet sind solche Lokalitäten ja tatsächlich wenigstens Räume. Herr Kocks jedoch schreibt so einen Unsinn zusammen, dass man daran zweifeln muss, ob das alles wirklich so gemeint ist.

Den betreffenden Artikel findet ihr hier, auf der Webseite der Frankfurter Rundschau, in der es ja schon andere abstruse Meinungsbekundungen zu lesen gab.

Herr Kocks beginnt seinen Artikel mit einer kleinen Geschichte der Piraterie, festgemacht an Klaus Störtebecker, dem er erst zugute hält zu recht bewundert zu werden, nur um ihm im nächsten Absatz in die Nähe von Mördern und Vergewaltigern zu rücken.

Mein Namensvetter Klaus Störtebeker („Stürz-den-Becher“) ist zu Recht seit Jahrhunderten ein romantischer Held, weil er seinerzeit den Pfeffersäcken von der Hanse so zusetzte. Aber er war wohl ein schnöder Verbrecher. Piraten wurden nur von jenen geliebt, denen sie nicht die Bäuche aufschlitzten, um deren Töchter zu schänden und Hab und Gut zu versaufen.

Nur so viel. Bodo Hombach, der Preisträger der letzten Woche würde klar widersprechen, schrieb er doch in einem Artikel über das internetmanifest:

Neuere historische Forschung schreibt ausgerechnet den damaligen Freibeutern und Piraten zur See vorbildliche Organisationsstrukturen und ein sozial durchkomponiertes Regelwerk zu.

Aber es geht Herrn Kocks mitnichten darum, mit dem Schutzpatron der WAZ über das Freibeutertum vergangener Tage zu fachsimpeln. Nein, worum es ihm geht, enthüllt er im nächsten Absatz:

Im Hamburgischen Stadtmuseum kann man von diesen Untaten hören und Störtebekers zerborstenen Schädel sehen. Die Hanseaten haben den abgeschlagenen Kopf des Piraten als Generalprävention vor der Stadt aufgespießt. Nehmen wir, die braven Bürger, die Warnung vor den Piraten an? Ich rede natürlich nicht von den Gewässern vor Somalia, sondern einer neuen Partei unserer Tage, die die Existenz von Kunst, Kultur und Journalismus bedroht.

Herr Kocks setzt hier einfach mal (kocksfrech möchte man sagen) die historischen Piraten mit der Piratenpartei gleich, und hält den Schädel Störtebeckers für eine Warnung die Piratenpartei nicht zu wählen. Muss ich das kommentieren? Man mag ja von der Piratenpartei halten was man will, aber „Töchterschändung“ und „Raubzüge“ stehen wohl eher nicht in deren Programm.
Es wirkt billig und irgendwie hilflos Kritik an der bloßen Namensgebung festzumachen. Da könnte man ebensogut argumentieren die CDU sei unwählbar, weil die damals diese menschenverachtenden Kreuzzüge im Mittelalter gemacht haben.
Darüber hinaus bin ich anderer Meinung als Herr Kocks. Die Kunst, Kultur und der Journalismus werden nicht von denen bedroht, die eben diese wichtigen Errungenschaften allen Menschen zur Verfügung stellen wollen, sondern von denen, die durch Abmahnwahn und eine übertriebene Auslegung des Markenrechts Kunst verbieten wollen, die an jahrhunderte alter Kultur verdienen wollen und die durch Lobbyismus die Unabhängigkeit des Journalismus zerstören wollen.

Und jetzt die Internetpiraten. Deren Anliegen betreffen die ungehinderte Nutzung des World Wide Web, jener globalen Informationsmaschine, die unser Leben verändert hat. Aber es geht um mehr als dieses Universum unnützen Wissens, in dem niemand Geld verdient außer der Porno-Industrie, die uns listenreich mit ihrem Müll versorgt.

Dass Herr Kocks hier davon schreibt, dass (unter anderem) ihn die „Porno-Industrie listenreich mit ihrem Müll versorgt“, will ich nur kurz kommentieren: Man muss halt nicht jeden Link in einer Spammail anklicken, wenn das die List ist, von der hier die Rede ist.

Es geht um etwas sehr Fundamentales und Hochumstrittenes zugleich, das Privateigentum.

Das klingt jetzt wieder fast so, als würde einem die Piratenpartei den Wohnzimmertisch klauen, wenn man nicht aufpasst. Was hat „Privateigentum“ mit dem Internet zu tun? Und warum ist Privateigentum überhaupt umstritten? Das alles ergibt auch beim zweiten Hinsehen kaum einen Sinn.

Aber Herr Kocks erklärt sich… Irgendwie…

Man darf noch mal bei Adam Smith nachlesen, wieso der Reichtum der Nationen und damit das Allgemeinwohl auf zwei Dingen beruhen, dem Recht auf Eigentum und dem Wettbewerb aller mit allen.

Wer Freiheit und Sozialismus will, muss Privateigentum und Wettbewerb wollen. Das gilt auch für geistiges Eigentum im Internet. Das sollten wir bei aller Freibeuter-Romantik nicht vergessen.

Was das jetzt allerdings mit der Piratenpartei konkret zu tun hat, bleibt Herr Kocks uns schuldig. Er streift mit seinen Ausführungen zwar „Kids“ die irgendwie im Internet „klauen“ und Kuba, aber so recht stichhaltig und zusammenhängend mögen seine Ausführungen dann doch nicht klingen.

Die Krönung kommt aber zum Abschluss:

Sonst ist das Netz nur noch eine Piratensee, sprich ein Meer des Unrechts. Das klingt völlig uncool, ist aber leider wahr. Piraten, nein danke!

Irgendwie wirkt diese ganze Schreibe weniger wie ein Kommentar in dem eine Meinung dargestellt und begründet wird, als wie die unzusammenhängenden nautischen Reminiszenzen eines pensionierten Piratenjägers, der gerade einen Internetanschluss gelegt bekommen hat.
Die wunderbare Wendung „Das Netz […] ein Meer des Unrechts“, verschafft Herrn Kocks aber immerhin den 16. RRW.
Gratulation!

Written by Heiko C. in: Rechtsfreier Raum der Woche,Wahnhaftes | Schlagwörter: ,

Keine Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment

Keine Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment