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Dez
02
2008
--

Psychologie der Wahlplakate

Also nun sind Ende Mai Kommunalwahlen bei uns, und mitlerweile ist ganz Nordfriesland mit Plakaten der unterschiedlichsten Parteien vollgekleistert. Doch was versprechen uns diese zweidimensionalen Zellulosebotschafter der Parteien?

Ich fange mal mit der CDU an, der stärksten Fraktion bei uns im Landtag und auch auf Kommunalebene.
Auffällig war, dass die CDU als erste Partei mit der Plakatierung anfing. Eine gute Woche bevor bei uns in der Umgebung andere Parteien mit Werbebotschaften vertreten waren, prangte an der Bundesstrasse 5 schon alle zwei Meter das bekannte Gesicht unseres derzeitigen Landesvaters: Peter Harry Carstensen.
Man fuhr so nach Husum, und alle zwei Meter schrie einem sein Gesicht optisch von den Plakaten an, so dass man förmlich nur denken konnte: „Peter Harry. Eine Ampel. Peter Harry. Eine Kuh auf einem Feld. Peter Harry. Ein Stopschild…“
Mittlerweile gibts auch andere Plakate an der B5, aber das durchaus sympathisch-moppelige Gesicht Peter Harrys hängt mir mittlerweile trotzdem zum Hals heraus.
Mich möchte hier auch den Slogan erwähnen, der auf den Wahlplakaten zu finden ist. Die Plakate sind folgendermaßen gestaltet: Entweder schlichter orangefarbener Hintergrund mit dicken weißen Lettern, die geradewegs aus der Bildzeitung marschiert zu sein scheinen, oder ein Kandidat, orangefarbenes Layout und kleinere Schrift oder der unvermeidliche Peter Harry im orangefarbenen Layout mit kleinerer Schrift.
Der Slogan der CDU ist bei jeder Variation (von denen die letztere die häufigste zu sein scheint) der gleiche: „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“
Der Slogan klingt, als könne er auch für die NPD werben. Man stelle sich die Punkte hinter den Worten als Ausrufezeichen vor, und fertig ist der dumpfnationale Lack: „Heimat! Aufschwung! Zukunft!“ Das ist aber vermutlich nur Zufall. Sicher will uns die CDU mit diesen Worten etwas sagen.
Sind es Forderungen? Hoffnungen? Oder bloße ideologische Standpunkte der Partei. Schauen wir uns das näher an.
Die CDU ist offenbar für „Heimat“. Doch was bedeutet das? Wollen uns andere Parteien die Heimat wegnehmen? Uns ins Ausland schicken? Oder sollen alle Schleswig Holsteiner mit den Bayern die Häuser tauschen?
Eher nicht. Also ist die Forderung nach „Heimat“ oder die Aussage, man stehe für „Heimat“ ziemlich sinnlos. Wenn man näher über die Arbeitsmarktpolitik der CDU nachdenkt, insbesondere über die Forderung, dass Arbeitslose jede offene Stelle annehmen müssten egal wo sie in Deutschland sind (also auch fern der Heimat), ist diese sinnlose Aussage sogar ziemlich verlogen.
Und wie steht es mit „Zukunft“? Ich stand immer unter dem Eindruck, dass die Zukunft an sich etwas wäre, was so oder so kommt. Auch ohne CDU. Auch hier ist davon auszugehen, dass keine Andere Partei den Lauf der Zeit einfrieren oder gar umkehren möchte.
Man stelle sich Plakate von anderen Parteien vor, auf denen etwa „Vergangenheit!“ oder „Gegenwart!“ gefordert wird. Also ist auch dieses Wort ziemlich sinnlos.
„Aufschwung“ hingegen ist etwas, das man fordern kann, und Aufschwung ist auch immer etwas gutes. Die Plakate der CDU schweigen sich jedoch dazu aus, für wen der Aufschwung gelten soll. „Aufschwung für alle“ ist eine Illusion. Also für wen? „Für die Wirtschaft“? Das scheint zumindest mit der bisherigen Politik der CDU in Nachkriegsdeutschland konform zu gehen. „Für den Bürger“? Möglicherweise meint das Plakat auch das, die Umsetzung dessen scheint aber eher unwahrscheinlich.
Aber vielleicht steckt mehr hinter den drei Worten „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“
Vielleicht sind es die Antworten auf drei Fragen, wie bei der Maoam-Werbung.
„Wo wollen wir was machen?“
„In der Heimat!“
„Was wollen wir machen?“
„Aufschwung!“
„Wann wollen wir das machen?“
„In der Zukunft!“

Die SPD kommt kumpelhafter daher. Sie wirbt auf rotem Hintergrund mit weißen Lettern für den Slogan „Gerecht. Sozial. Vor Ort.“
Auch drei „Wörter“. Naja eigentlich vier. Die vier Wörter, die die drei „Worte“ bilden scheinen ebenso rätselhaft, doch vermitteln sie einen ganz anderen Geschmack. Wo sich die CDU mit den Worten „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“ in das Gewand eines „Retters“ kleidet, der von außen kommt und die Erlösung in Form von „Heimat, Aufschwung und Zukunft“ bringt, scheint die SPD eher der Kumpel von nebenan sein zu wollen. Dieser Kumpel scheint einem den Arm um die Schulter zu legen, und zu sagen: „Wenn wir beide nur an einem Strang ziehen, dann kriegen wir schon eine gerechte und soziale Kommune hin. Ich bin ja immer in der Nähe.“
Vom Namen der SPD einmal abgesehen fällt es dem Wähler (also mir zumindest) jedoch schwer eine Verbindung zwischen der SPD und Begriffen wie „Gerecht“ und „Sozial“ zu sehen. Immerhin hat die SPD Hartz IV eingeführt, dass nicht nur dafür sorgte, dass normale auch unverschuldet arbeitslose Menschen sich mit ellenlangen Formularen und Fragen über ihr Intimleben traktieren lassen müssen, damit sie sich was zum essen kaufen können. Nein, teurer als ehedem die Sozialhilfe ist Hartz IV aufgrund des erhöhten Verwaltungsaufwandes auch noch.
Und „Vor Ort“? Stehen in Nordfriesland etwa an jeder Ecke Imbissbuden an denen die SPD ihre Politik verkauft, oder gar Hilfe anbietet? Nein. „Vor Ort“ nimmt man vielleicht der AOK ab, aber nicht der SPD.

Vielleicht übersehen wir das Offensichtliche. Von der großartigen Zusammenarbeit auf Bundesebene könnten die SPD und die CDU vielleicht so begeistert sein, dass sie zusammen zur Kommunalwahl antreten. Der Slogan der neuen kommunalen großen Koalition hieße dann: „Gerechte Heimat. Sozialer Aufschwung. Zukunft vor Ort.“
Hm… ergibt auch nicht mehr Sinn.

Kommen wir zum Publikumsliebling, und parteipolitischen Parlamentsmaskottchen: Zur Linkspartei. Sie wirbt mit „LEBEN KÖNNEN.“
Einen solchen Slogan hätte man eher von der PDS erwartet. Scheinbar hat man sich also doch noch nicht ganz von der Ideologie und dem Gedankengut der Partei des demokratischen Sozialismus lösen können. Man will nicht wie SPD oder CDU hoch hinaus. Man will nur „leben können.“
„Leben können!“ klingt wie ein ningelnder Hilferuf. Kein ernst gemeinter also, sondern eher als würde da jemand jammern nur um Aufmerksamkeit zu erregen. „Wir woll’n ja gar nicht viel, aber müssn doch leben können! Oh je! Was machen wir nur. Im Osten …da konnten wir leben.“ vielleicht gefolgt von einem „ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT!“
Bitte nicht. Vielleicht funktioniert die Masche in Brandenburg oder Meck-Pomm. Bei uns hier oben aber wohl eher nicht. Liebe „Linke“, fordert doch lieber den „zweiten Arbeiter und Bauernstaat auf deutschem Boden“, „Blühende Landschaften“ oder sonst irgendwas Konkretes. Nur „Leben können!“ ist vielleicht nett gemeint und spricht sicherlich auch vielen Westdeutschen aus der Seele, aber wenn ihr nur das im Wahlkampf versprecht, „Ihr werdet leben können.“ dann klingt das ein wenig armselig. Besonders wenn man das Versprechen der CDU, eigenhändig für eine Zukunft zu sorgen, oder die Pläne der SPD, an jeder Strassenecke SPD-Pommesbuden in Betrieb zu nehmen, zum Vergleich in Betracht zieht.

Auch die Grünen kriegen keinen zündenden Slogan hin. „Verantwortung“ lautet ihr simpler Slogan. Man beachte das hervorgehobene „Antwort“.
Die Aussage, die hinter dem Einwortslogan, der in Wirklichkeit ein Zweiwortslogan ist, durchkommt scheint zu sein: „Verantwortung zu übernehmen ist die Antwort.“
Die Antwort worauf? Auf die Arbeitslosigkeit?
Man stelle sich einen fünfzigjährigen Arbeitslosen vor, der sich laufend bewirbt, aufgrund seines Alters jedoch auch bei Hilfstätigkeiten nur Absagen bekommt. Er fragt sich warum das so ist.
Da sagen ihm die Grünen: „Tja, da musst du eben selbst ein wenig Verantwortung übernehmen.“ also mit andern Worten: „Uns doch egal, wir regieren jetzt wieder!“
Das gleiche gilt natürlich analog auch für andere Probleme, die den Wähler heute so plagen: „Ist alles so teuer, kann gar nicht leben!“, sagt da vielleicht einer, der die Linkspartei gewählt hat.
„Tja, da musst du eben selbst ein wenig Verantwortung übernehmen.“, kommt die Antwort aus dem grünen Rathaus.
„Liebe Bündnisgrünen. Das Bezin ist so teuer!“
„Hahahahahahaha!!!“, sagen die Grünen.
Ich weiß ja nicht, ob Publikumsbeleidigung auch in der Politik funktioniert, aber wenn man drüber nachdenkt, könnte der Slogan der Grünen als solche aufgefasst werden.

Nachtrag 17.5.08:
Die FDP wirbt mit „Seien Sie wählerisch!“
Endlich mal ein Ausrufezeichen. Leider ist der Slogan der freien Demokraten jedoch auch nicht aussagekräftiger als der der anderen Parteien. Er sagt nur folgendes: „Egal was du wählst – uns von der FDP ist es ja im Prinzip egal – überlege es dir gut!“
Das ganze klingt ein wenig, als ob die FDP irgendwelche Insiderinformationen hätte. Ausserdem erfahren wir nun so gar nichts über ihr Programm, wenn wir auf die Plakate sehen. Planen die Liberalen etwa etwas, was uns den Wählern gar nicht gefallen würde, und sie machen schon mal auf ihren Plakaten subtil darauf aufmerksam? Oder richtet sich dieser Apell, sich ganz genau vorher zu überlegen was man wählt gegen eine bestimmte der anderen Parteien? Will die CDU etwa das Raum-Zeit-Kontinuum sprengen? Die Forderung der Union nach mehr Zukunft scheint darauf hinzuweisen.
Oder spinnt die SPD eine Intrige in der die besagten SPD-Pommesbuden eine wichtige Rolle spielen? Wer weiß das schon…
Nur eins ist sicher: Die FDP hat zu diesen Kommunalwahlen den mysteriösesten Slogan aller Parteien.

Der SSW wirbt auf einem wie gewohnt schlichten blauen Plakat auf dem ein Globus naiv-malerisch dargestellt ist mit dem Slogan „Näher dran!„. Was soll denn das nun heißen? Die SPD ist „vor Ort“ aber der SSW ist noch „näher dran“? Vielleicht, weil es sich ja auch um die Partei der dänischen Minderheit handelt, heißt es: „Näher dran an Deutschland!“ Aber nein, das ist auch irgendwie unsinnig, da Dänemark ja dann nun doch nicht näher an Deutschland dran ist, als Deutschland selbst. Immerhin ist Deutschland mit sich selbst identisch, wie vielleicht Richter Alexander Holt sagen würde.

Die Unabhängige Wählergemeinschaft Leck (UWL) hat da hingegen mal ein Motto mit einer ganz klaren Zielsetzung: „Mit Herz und Verstand für die Gemeinde“ war es glaube ich.
Zumindest die UWL steht der Gemeinde also eindeutig positiv gegenüber auch wenn der Slogan ein wenig so klingt, als hätte an Stelle der „Gemeinde“ früher mal das „Vaterland“ gestanden. Dann würde der Slogan sich nämlich reimen. Was genau diese Gruppierung allerdings für politische Ziele hat, ist mir noch schleierhafter als bei den anderen vorgenannten Parteien.


Hinweis:
Ich hab mir die Plakate nicht stundenlang angesehen, und sie studiert. Ich bin mit dem Auto an ihnen vorbeigefahren. Meist mit Tempo 50. Wenn ich also einen Slogan nicht 1:1 wiedergebe, oder ein Plakat falsch beschreibe, mag man mir das bitte nicht vorhalten. Immerhin erfahren so wie ich schließlich die meisten Wähler die Wahlplakate: Als vorbeiziehende bunte Schemen, geschmückt mit mehr oder weniger freundlichen Gesichtern, die eine bessere Zukunft (oder wie im Falle der CDU überhaupt erst einmal Zukunft) versprechen.
Hinweise darauf, wo ich falsch zitiere sind hingegen erwünscht.

Written by Heiko C. in: Politisches,Psychologisches | Schlagwörter:

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2008
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Psychologie der Wahlplakate

Also nun sind Ende Mai Kommunalwahlen bei uns, und mitlerweile ist ganz Nordfriesland mit Plakaten der unterschiedlichsten Parteien vollgekleistert. Doch was versprechen uns diese zweidimensionalen Zellulosebotschafter der Parteien?

Ich fange mal mit der CDU an, der stärksten Fraktion bei uns im Landtag und auch auf Kommunalebene.
Auffällig war, dass die CDU als erste Partei mit der Plakatierung anfing. Eine gute Woche bevor bei uns in der Umgebung andere Parteien mit Werbebotschaften vertreten waren, prangte an der Bundesstrasse 5 schon alle zwei Meter das bekannte Gesicht unseres derzeitigen Landesvaters: Peter Harry Carstensen.
Man fuhr so nach Husum, und alle zwei Meter schrie einem sein Gesicht optisch von den Plakaten an, so dass man förmlich nur denken konnte: „Peter Harry. Eine Ampel. Peter Harry. Eine Kuh auf einem Feld. Peter Harry. Ein Stopschild…“
Mittlerweile gibts auch andere Plakate an der B5, aber das durchaus sympathisch-moppelige Gesicht Peter Harrys hängt mir mittlerweile trotzdem zum Hals heraus.
Mich möchte hier auch den Slogan erwähnen, der auf den Wahlplakaten zu finden ist. Die Plakate sind folgendermaßen gestaltet: Entweder schlichter orangefarbener Hintergrund mit dicken weißen Lettern, die geradewegs aus der Bildzeitung marschiert zu sein scheinen, oder ein Kandidat, orangefarbenes Layout und kleinere Schrift oder der unvermeidliche Peter Harry im orangefarbenen Layout mit kleinerer Schrift.
Der Slogan der CDU ist bei jeder Variation (von denen die letztere die häufigste zu sein scheint) der gleiche: „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“
Der Slogan klingt, als könne er auch für die NPD werben. Man stelle sich die Punkte hinter den Worten als Ausrufezeichen vor, und fertig ist der dumpfnationale Lack: „Heimat! Aufschwung! Zukunft!“ Das ist aber vermutlich nur Zufall. Sicher will uns die CDU mit diesen Worten etwas sagen.
Sind es Forderungen? Hoffnungen? Oder bloße ideologische Standpunkte der Partei. Schauen wir uns das näher an.
Die CDU ist offenbar für „Heimat“. Doch was bedeutet das? Wollen uns andere Parteien die Heimat wegnehmen? Uns ins Ausland schicken? Oder sollen alle Schleswig Holsteiner mit den Bayern die Häuser tauschen?
Eher nicht. Also ist die Forderung nach „Heimat“ oder die Aussage, man stehe für „Heimat“ ziemlich sinnlos. Wenn man näher über die Arbeitsmarktpolitik der CDU nachdenkt, insbesondere über die Forderung, dass Arbeitslose jede offene Stelle annehmen müssten egal wo sie in Deutschland sind (also auch fern der Heimat), ist diese sinnlose Aussage sogar ziemlich verlogen.
Und wie steht es mit „Zukunft“? Ich stand immer unter dem Eindruck, dass die Zukunft an sich etwas wäre, was so oder so kommt. Auch ohne CDU. Auch hier ist davon auszugehen, dass keine Andere Partei den Lauf der Zeit einfrieren oder gar umkehren möchte.
Man stelle sich Plakate von anderen Parteien vor, auf denen etwa „Vergangenheit!“ oder „Gegenwart!“ gefordert wird. Also ist auch dieses Wort ziemlich sinnlos.
„Aufschwung“ hingegen ist etwas, das man fordern kann, und Aufschwung ist auch immer etwas gutes. Die Plakate der CDU schweigen sich jedoch dazu aus, für wen der Aufschwung gelten soll. „Aufschwung für alle“ ist eine Illusion. Also für wen? „Für die Wirtschaft“? Das scheint zumindest mit der bisherigen Politik der CDU in Nachkriegsdeutschland konform zu gehen. „Für den Bürger“? Möglicherweise meint das Plakat auch das, die Umsetzung dessen scheint aber eher unwahrscheinlich.
Aber vielleicht steckt mehr hinter den drei Worten „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“
Vielleicht sind es die Antworten auf drei Fragen, wie bei der Maoam-Werbung.
„Wo wollen wir was machen?“
„In der Heimat!“
„Was wollen wir machen?“
„Aufschwung!“
„Wann wollen wir das machen?“
„In der Zukunft!“

Die SPD kommt kumpelhafter daher. Sie wirbt auf rotem Hintergrund mit weißen Lettern für den Slogan „Gerecht. Sozial. Vor Ort.“
Auch drei „Wörter“. Naja eigentlich vier. Die vier Wörter, die die drei „Worte“ bilden scheinen ebenso rätselhaft, doch vermitteln sie einen ganz anderen Geschmack. Wo sich die CDU mit den Worten „Heimat. Aufschwung. Zukunft.“ in das Gewand eines „Retters“ kleidet, der von außen kommt und die Erlösung in Form von „Heimat, Aufschwung und Zukunft“ bringt, scheint die SPD eher der Kumpel von nebenan sein zu wollen. Dieser Kumpel scheint einem den Arm um die Schulter zu legen, und zu sagen: „Wenn wir beide nur an einem Strang ziehen, dann kriegen wir schon eine gerechte und soziale Kommune hin. Ich bin ja immer in der Nähe.“
Vom Namen der SPD einmal abgesehen fällt es dem Wähler (also mir zumindest) jedoch schwer eine Verbindung zwischen der SPD und Begriffen wie „Gerecht“ und „Sozial“ zu sehen. Immerhin hat die SPD Hartz IV eingeführt, dass nicht nur dafür sorgte, dass normale auch unverschuldet arbeitslose Menschen sich mit ellenlangen Formularen und Fragen über ihr Intimleben traktieren lassen müssen, damit sie sich was zum essen kaufen können. Nein, teurer als ehedem die Sozialhilfe ist Hartz IV aufgrund des erhöhten Verwaltungsaufwandes auch noch.
Und „Vor Ort“? Stehen in Nordfriesland etwa an jeder Ecke Imbissbuden an denen die SPD ihre Politik verkauft, oder gar Hilfe anbietet? Nein. „Vor Ort“ nimmt man vielleicht der AOK ab, aber nicht der SPD.

Vielleicht übersehen wir das Offensichtliche. Von der großartigen Zusammenarbeit auf Bundesebene könnten die SPD und die CDU vielleicht so begeistert sein, dass sie zusammen zur Kommunalwahl antreten. Der Slogan der neuen kommunalen großen Koalition hieße dann: „Gerechte Heimat. Sozialer Aufschwung. Zukunft vor Ort.“
Hm… ergibt auch nicht mehr Sinn.

Kommen wir zum Publikumsliebling, und parteipolitischen Parlamentsmaskottchen: Zur Linkspartei. Sie wirbt mit „LEBEN KÖNNEN.“
Einen solchen Slogan hätte man eher von der PDS erwartet. Scheinbar hat man sich also doch noch nicht ganz von der Ideologie und dem Gedankengut der Partei des demokratischen Sozialismus lösen können. Man will nicht wie SPD oder CDU hoch hinaus. Man will nur „leben können.“
„Leben können!“ klingt wie ein ningelnder Hilferuf. Kein ernst gemeinter also, sondern eher als würde da jemand jammern nur um Aufmerksamkeit zu erregen. „Wir woll’n ja gar nicht viel, aber müssn doch leben können! Oh je! Was machen wir nur. Im Osten …da konnten wir leben.“ vielleicht gefolgt von einem „ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT!“
Bitte nicht. Vielleicht funktioniert die Masche in Brandenburg oder Meck-Pomm. Bei uns hier oben aber wohl eher nicht. Liebe „Linke“, fordert doch lieber den „zweiten Arbeiter und Bauernstaat auf deutschem Boden“, „Blühende Landschaften“ oder sonst irgendwas Konkretes. Nur „Leben können!“ ist vielleicht nett gemeint und spricht sicherlich auch vielen Westdeutschen aus der Seele, aber wenn ihr nur das im Wahlkampf versprecht, „Ihr werdet leben können.“ dann klingt das ein wenig armselig. Besonders wenn man das Versprechen der CDU, eigenhändig für eine Zukunft zu sorgen, oder die Pläne der SPD, an jeder Strassenecke SPD-Pommesbuden in Betrieb zu nehmen, zum Vergleich in Betracht zieht.

Auch die Grünen kriegen keinen zündenden Slogan hin. „Verantwortung“ lautet ihr simpler Slogan. Man beachte das hervorgehobene „Antwort“.
Die Aussage, die hinter dem Einwortslogan, der in Wirklichkeit ein Zweiwortslogan ist, durchkommt scheint zu sein: „Verantwortung zu übernehmen ist die Antwort.“
Die Antwort worauf? Auf die Arbeitslosigkeit?
Man stelle sich einen fünfzigjährigen Arbeitslosen vor, der sich laufend bewirbt, aufgrund seines Alters jedoch auch bei Hilfstätigkeiten nur Absagen bekommt. Er fragt sich warum das so ist.
Da sagen ihm die Grünen: „Tja, da musst du eben selbst ein wenig Verantwortung übernehmen.“ also mit andern Worten: „Uns doch egal, wir regieren jetzt wieder!“
Das gleiche gilt natürlich analog auch für andere Probleme, die den Wähler heute so plagen: „Ist alles so teuer, kann gar nicht leben!“, sagt da vielleicht einer, der die Linkspartei gewählt hat.
„Tja, da musst du eben selbst ein wenig Verantwortung übernehmen.“, kommt die Antwort aus dem grünen Rathaus.
„Liebe Bündnisgrünen. Das Bezin ist so teuer!“
„Hahahahahahaha!!!“, sagen die Grünen.
Ich weiß ja nicht, ob Publikumsbeleidigung auch in der Politik funktioniert, aber wenn man drüber nachdenkt, könnte der Slogan der Grünen als solche aufgefasst werden.

Nachtrag 17.5.08:
Die FDP wirbt mit „Seien Sie wählerisch!“
Endlich mal ein Ausrufezeichen. Leider ist der Slogan der freien Demokraten jedoch auch nicht aussagekräftiger als der der anderen Parteien. Er sagt nur folgendes: „Egal was du wählst – uns von der FDP ist es ja im Prinzip egal – überlege es dir gut!“
Das ganze klingt ein wenig, als ob die FDP irgendwelche Insiderinformationen hätte. Ausserdem erfahren wir nun so gar nichts über ihr Programm, wenn wir auf die Plakate sehen. Planen die Liberalen etwa etwas, was uns den Wählern gar nicht gefallen würde, und sie machen schon mal auf ihren Plakaten subtil darauf aufmerksam? Oder richtet sich dieser Apell, sich ganz genau vorher zu überlegen was man wählt gegen eine bestimmte der anderen Parteien? Will die CDU etwa das Raum-Zeit-Kontinuum sprengen? Die Forderung der Union nach mehr Zukunft scheint darauf hinzuweisen.
Oder spinnt die SPD eine Intrige in der die besagten SPD-Pommesbuden eine wichtige Rolle spielen? Wer weiß das schon…
Nur eins ist sicher: Die FDP hat zu diesen Kommunalwahlen den mysteriösesten Slogan aller Parteien.

Der SSW wirbt auf einem wie gewohnt schlichten blauen Plakat auf dem ein Globus naiv-malerisch dargestellt ist mit dem Slogan „Näher dran!„. Was soll denn das nun heißen? Die SPD ist „vor Ort“ aber der SSW ist noch „näher dran“? Vielleicht, weil es sich ja auch um die Partei der dänischen Minderheit handelt, heißt es: „Näher dran an Deutschland!“ Aber nein, das ist auch irgendwie unsinnig, da Dänemark ja dann nun doch nicht näher an Deutschland dran ist, als Deutschland selbst. Immerhin ist Deutschland mit sich selbst identisch, wie vielleicht Richter Alexander Holt sagen würde.

Die Unabhängige Wählergemeinschaft Leck (UWL) hat da hingegen mal ein Motto mit einer ganz klaren Zielsetzung: „Mit Herz und Verstand für die Gemeinde“ war es glaube ich.
Zumindest die UWL steht der Gemeinde also eindeutig positiv gegenüber auch wenn der Slogan ein wenig so klingt, als hätte an Stelle der „Gemeinde“ früher mal das „Vaterland“ gestanden. Dann würde der Slogan sich nämlich reimen. Was genau diese Gruppierung allerdings für politische Ziele hat, ist mir noch schleierhafter als bei den anderen vorgenannten Parteien.


Hinweis:
Ich hab mir die Plakate nicht stundenlang angesehen, und sie studiert. Ich bin mit dem Auto an ihnen vorbeigefahren. Meist mit Tempo 50. Wenn ich also einen Slogan nicht 1:1 wiedergebe, oder ein Plakat falsch beschreibe, mag man mir das bitte nicht vorhalten. Immerhin erfahren so wie ich schließlich die meisten Wähler die Wahlplakate: Als vorbeiziehende bunte Schemen, geschmückt mit mehr oder weniger freundlichen Gesichtern, die eine bessere Zukunft (oder wie im Falle der CDU überhaupt erst einmal Zukunft) versprechen.
Hinweise darauf, wo ich falsch zitiere sind hingegen erwünscht.

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