Nov
20
2010

Linksammlung des Terrors (nur von gestern(!))³

Kaum warnt da jemand schwammig vor irgendwelchem Terror und bittet alle darum doch die Ruhe zu bewahren, schon greift die umgekehrte Psychologie und alle brechen in Panik aus.

Wer dachte die 15 Minuten der Berühmtheit eines schon wieder vergessenen SPD-Politikers, in denen selbiger darum bat, alle verdächtigen oder ausländischen Menschen bitte sofort der Polizei (bzw. „den Behörden“) zu melden, sei schon der Höhepunkt der Narretei gewesen, musste gestern bitterlich enttäuscht werden.

Im folgenden eine kleine Chronik in Links (vermutlich nicht ganz in chronologischer Reihenfolge, was es eigentlich eher zu einer Asynchronik macht), die zeigt, dass es unvorantwortlich ist, wenn man sich als Innenminister vollkommen sinnlos hinstellt und Leute wirr macht.

Mittags ist in Duisburg ein herrenloser Koffer gesichtet worden, der als solcher natürlich verdächtig ist. (LINK)
Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass – so unwahrscheinlich es auch scheint – jemand den Koffer nur vergessen hatte. Der Westen berichtete. (LINK)
Wegen des Koffers gab es scheinbar nun einen mittelgroßen Polizeieinsatz und Teile des Einkaufszentrums wurden abgeriegelt.
Nun prüft man, ob der vergessliche Mann das alles bezahlen muss. Zu allem Überfluss an Verdachtsmomenten  ist er auch noch Türke und dabei gesehen worden, wie er Fotos von der Ware im Einkaufszentrum gemacht hat, bevor er seinen Koffer vergaß.
Die Polizei ist aber offenbar der Meinung, dass die Wachsamkeit der Menschen „positiv“ zu sehen sei, auch wenn der Koffer harmlos war.

Was dem Duisburg sein Koffer ist, ist in Köthen (wo auch immer das nun wieder ist) ein Karton.
Verschnürt und zugeklebt lag eben dieser Karton im Gebüsch irgendwo. Natürlich sehr verdächtig.
Später hat das Bombenräumkommando den Karton dann gesprengt, dabei hat sich dann herausgestellt, dass nur ein paar alte Zeitungen und sonstiger Müll drin waren. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet: (LINK)
Auch hier begrüßt die Polizei es, dass man sie gleich gerufen hat.

Bei dem Koffer ohne Bombe, der in Namibia nicht nach München adressiert war, gibt es auch Neuigkeiten: Der Innenminister schließt es nicht mehr aus, dass der Koffer eventuell von deutschen Sicherheitsleuten selbst präpariert wurde. (Link Rheinzeitung) (Link SpOn)
Warum unsere Sicherheitsbehörden Kofferbombenattrappen in Namibia verteilen, ist mir zwar ein wenig schleierhaft, aber irgendwie sind ja alle durch den Wind momentan.

Auch in Köln taucht ein gefährlicher Koffer auf. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Deutschland auf breiter Front von harmlosen Koffern und anderen Behältern angegriffen wird.
Da Köln keine so große und bedeutende Stadt wie z.B. Köthen ist, musste dieser Koffer nicht gesprengt werden. Eine einfache weiträumige Absperrung und Durchleuchtung hat gereicht, um festzustellen, dass der Koffer leer ist.
Das kann man im Express nachlesen. (LINK)

In Düsseldorf hat man dann einen ICE kurzzeitig evakuiert, weil da was rumlag, was man nicht identifizieren konnte. Was das jetzt war, steht da nicht, war aber wohl harmlos und den Rest der Geschichte kann man im Westen nachlesen. (LINK)

Nur in Thüringen scheint die Welt noch in Ordung, da werden nur Schokoladenweihnachtsmänner geraubt. (LINK)

Doch leider ist die Paranoia gegen Koffer nicht das einzige Resultat der Terrorwarnung von Vorgestern.
In Berlin nimmt man sich die Warnung vor „ausländisch sprechenden“ Menschen zu Herzen und zündet kurzerhand eine Moschee an.
Aber sowas passiert wohl, wenn man gezielt vor bestimmten Ethnien oder Religionen warnt. Sowas ist nie eine schöne Sache, jetzt im November, wo sich die Progromnacht gerade wieder gejährt hat, hat das natürlich einen besonders üblen Nachgeschmack. (LINK SpOn)

Es gibt aber auch Menschen, denen eher die Reaktion auf die Terrorwarnung Angst macht, als die Möglichkeit des Terrors selbst.

Bei Nachrichtenspiegel-online.de kommentiert Megahoshi den ganzen Terrorterror. Sein Fazit ist, dass man sich nicht wirr machen und vor allem nicht von der Tagespolitik ablenken lassen sollte. (LINK)

Bei Amypink.com kommt Ines zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen, wobei sie mehr vor Grundrechtseinschränkungen als vor Terror Angst hat. (LINK)

Zu guter letzt macht Heribert Prantl deutlich, dass Sicherheitsbehörden nun auch nicht alles dürfen in einem Rechtsstaat – auch nicht wenn draußen grad mal Terror ist. (LINK)

Mein Fazit:
Wenn man denn jetzt glaubt, dass wir wirklich gefährdeter als sonst sind – und ich bin mir da wirklich nicht sicher – dann kann man in Ballungszentren ja mal aufpassen. Meinetwegen räumt den ICE, oder sperrt das Einkaufzentrum ab. Manchmal hat man ja so ein dummes Gefühl, und auf das sollte man hören. Leider hat DeMaizières Terrorwarnung dazu geführt, dass ALLE STÄNDIG dieses ungute Gefühl haben. Das ist nicht nur deswegen nervig, weil die ganze Aufregung – gestern zumindest – völlig umsonst war, nein, wenn dann wirklich mal einer ein genuines mulmiges Gefühl hat, gaubt ihm dann keiner mehr, bei der Fülle von mulmigen Gefühlen, mit denen wir es jetzt sicher noch eine ganze Weile zu tun haben.

Danke, Herr Innenminister. Wie war das noch? „Kein Grund zur Hysterie“? Es gibt nie einen Grund zur Hysterie. Hysterie passiert einfach, und ist in ihrer Wortbedeutung immer grundlos, weil sie immer eine krasse Überreaktion darstellt. Es besteht also NIE ein Grund zur Hysterie. Zur Panik vielleicht. Aber nicht zur Hysterie. Und selbst Panik ist nicht besonders zielführend, wenn viele Leute auf dem Haufen sind, geschweige denn Hysterie.

Nochwas: Wenn in einem Gebüsch in Köthen ein Paket auftaucht, ist es ein klein wenig unverhältnismäßig, das gleich zu sprengen. Ein Gebüsch in Köthen ist immerhin nicht die Amerikanische Botschaft in Paris, sondern eben nur ein Gebüsch. In Köthen.
Welcher Terrorist will ein Gebüsch sprengen?

Ich finde so langsam sollten sich alle wieder einkriegen.

9 Comments »

  • Schön! Herzlich gelacht, nachdem mir tagsüber dasselbe reichlich vergangen war.

    Comment | 20. November 2010
  • Heiko C.

    Das ging mir tagsüber ganz ähnlich. Ich frag mich, wie lange das jetz wohl so geht. :-/

    Comment | 20. November 2010
  • Manchmal glaube ich der Regierung ja. Wenn unser Ölprinz sagt, daß Kriege um Rohstoffe geführt werden z.B. . Oder wenn der Innenminister vor möglichen Anschlägen warnt. Verschwörungstheoretiker, die uns weismachen wollen, das alles sei nur ein Fake, halte ich für eine beinahe ebensogroße Bedrohung für die geistige Gesundheit der Gesellschaft wie islamistische Bombenleger und übernervöse Bullen mit MPs in der zittrigen Hand.

    Und gerade deshalb: DANKE für diese erhellende Zusammenfassung!

    Comment | 20. November 2010
  • Da kann man noch so oft erwähnen, dass De Maiziere sonst so besonnen aufgetreten wäre:
    Fakt ist: Schäuble hat oft mal das Maul aufgerissen und Angst verbreitet. Meiner Wahrnehmung nach hat er aber nie nie nie soviele Polizisten auf die Straßen beordert und so krass den Eindruck erweckt, wir würden WIRKLICH alle sterben, weil: der hat ja nur geredet. De Maiziere hat ruckzuck mal tatsächlich jedem durch massive Polizeipräsenz gezeigt, wie ernst die Lage seiner Meinung nach ist: Wir sind im Krieg. Mindestens.

    Angesichts all der Polizisten auf der Straße muss der gar nicht viel sagen und kann noch so oft zur Besonnenheit mahnen. Der Anblick all dieser schwer bewaffneten Polizisten spricht eine deutliche(re) Sprache.

    Deswegen halte ich den Mann auch für mindestens so gefährlich wie Schäuble und Konsorten. Wo Schäuble und andere nur redeten, schafft Maiziere Tatsachen und zeigt dir und mir und allen Kritikern, wo der Weg hin gehen kann, wenn wir nicht tierisch aufpassen und etwas dagegen tun. Den Anderen macht er einfach nur Angst. Die Polizisten wären doch sicher nicht auf den Straßen, wenn nicht absolut sicher und unanfechtbar fest stände, dass uns demnächst Horden von Islamisten angreifen würden. Er mag besonnen reden, er handelt…hysterisch. Schlimm.

    Comment | 20. November 2010
  • Heiko C.

    @Broca-Areal: Bitte, bitte, das bot sich ja nun an. 😀
    Anschläge sind grundsätzlich immer „möglich“. Die Frage ist bloss wie wahrscheinlich sie sind, und ob man den ganzen verdammten Hühnerstall deswegen aufscheuchen muss. :-\

    @Ti_Leo: So schlimm mit den Polizisten? Ich krieg hier ja gar nichts mit davon. (…auf Hallig Dröge sozusagen)

    Comment | 20. November 2010
  • Finde das in Berlin (wir sind hier ja akut gefährdet ^^) schon auffällig. Sonst kannst du durch die Stadt laufen und siehst eigentlich kaum Polizei. Logisch, die haben ja auch in weiten Teilen eher Jobs, die man vom Büro aus erledigen kann. Im Botschaftsviertel sieht man häufiger mal Polizisten, die jüdische Synagoge wird bewacht, viel mehr Polizeipräsenz fiel mir eigentlich nie auf. Und mir fallen Polizisten in der Regel auf, weil ich mich in ihrer Gegenwart unbegründet unwohl fühle, beobachtet, eingeschätzt.

    Arbeite momentan in Mitte, da sind ja viele symbolische Ziele. 😉 In der Mittagspause heute habe ich Polizisten jedenfalls an Stellen gesehen, wo sonst keine standen. Nähe Hackescher Markt ist Polizei meiner subjektiven Wahrnehmung nach, falls vorhanden generell unauffällig (wie gesagt, es stehen immer 2 vor der jüdischen Synagoge).

    Heute habe ich auf dem Weg zur Dönerbude 4 Polizisten in Uniform gesehen. Die waren nicht schwer bewaffnet, aber da. Deine Nachfrage hat mich allerdings darauf gebracht, dass ich meine Wahrnehmung nicht verallgemeinern kann: Das ist nicht überall so und es erklärt wohl auch nicht, wie in meinem letzten Post angedeutet, die Meldungen im ganzen Land. Die Kausalität, die ich sah, besteht so einfach wohl nicht.

    Am Hauptbahnhof und im Regierungsviertel soll es krasser sein, da war ich selbst in den letzten Tagen allerdings nicht (Wie gesagt: Ich verspüre meist ein unbegründetes Unwohlsein angesichts starker Staatsgewalt). Dort sind eigentlich immer ein paar Polizisten, an normalen Tagen tragen die allerdings keine Maschinenpistolen. Was momentan wohl der Fall sein soll. Das deckt sich auch mit den Medienberichten und Fotos, die ich im Netz gesehen habe. Wurde ja auch von Beginn an klar gesagt: Zentrale Punkte, die Anschlagsziel sein könnten, werden geschützt. Es wird Präsenz gezeigt. Schwer bewaffnet und geschützt. Aber Berlin ist sicherlich und hoffentlich nicht so repräsentativ, wie ich dachte.

    Comment | 20. November 2010
  • Um das nochmal klarer zu machen: Es sieht hier nicht nach Polizeistaat aus, aber es ist spürbar und sichtbar mehr Polizei präsent. Was bemerkenswert ist angesichts einer so vagen Gefährdung, gegen die mehr Polizei auf den Straßen ziemlich genau gar nix nützen dürfte.

    Comment | 20. November 2010
  • effideffy

    Huhu, bin nur 50m von dem Gebüsch in köthen entfernt, war wirklich merkwürdig wenn dauerhaft gelbe Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene an dir vorbeidüsen, hab erst später als alles vorbeiwar alles mitbekommen.

    Hab über den schlusssatz sehr lachen müssen, nach 8 uhr ist KEINER mehr auf Köthens Straßen und der Inhalt des Kartons waren (so wie ich das auf dem Foto von der mz gesehen hab), billige Ein-Euro-Artikel vom Netto, die ich gestern noch beim routinierten Einkauf gesehen hab. Das ist panikmache hoch 5, das das so aufgebauscht wurde, unfassbar das gleich als „Terror“ zu bezeichnen,konnte heute wie gewohnt zum Imbiss gehen und meine Hamburger kaufen (die besten der Stadt btw), alles ruhig und leer und Köthen-trostlos wie immer.

    Aber achtung: Köthen besitzt eine Hochschule mit Studienkolleg, Studenten aus 80 Länder sind hier vertreten. Ich war einmal im „Internationalen Studentenclub“, da wimmelt es tatsächlich von mehr als 3 merkwürdig aussehenden Gestalten, die nur Arabisch sprechen, das macht die sache für Köthen nicht gerade sicherer. Und ein Drahtzieher vom 11.9. hat auch in Köthen studiert…(bevor er nach hamburg zu seinen Schläfern gegangen ist und dann die Terroranschläge geplant hat)…

    Aber der Karton beim Imbiss, das geht wirklich zu weit und ist lächerlich es so zu übertreiben, wie es bild,spiegel und co berichten.

    Comment | 21. November 2010
  • Heiko C.

    Das ist ja nett, dass sich hier quasi ein Augenzeuge meldet! Ich danke dir für den Kommentar! 😀

    Comment | 21. November 2010

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