Feb
25
2010

Selektive Wahrnehmung im alten Griechenland

Heute kam „Atlantis, der verlorene Kontinent“ auf DVD mit der Post, und wo ich den Filmklassiker von George Pal gerade wieder mal sehe, fällt mir auf, wie merkwürdig Hollywoodfilme doch das alte Griechenland darstellen.

Der folgende Text mag Spoiler für einen Film enthalten, der ein halbes Jahrhundert alt ist: Im Film geht es grob darum, dass ein junger Fischer aus dem antiken Griechenland beim Fischen im Mittelmeer eine bewusstlose junge Frau auf einem Floß findet.
Als diese gerettet dann wieder das Bewusstsein erlangt, bittet sie den Fischer, sie zurück nach Atlantis zu bringen, wo sie eine Prinzessin sei. Der Fischer bringt sie dann nach Atlantis, wo er sofort zum Dank versklavt wird, ein Krieg gegen alle Nichtatlanter geplant wird und noch allerlei andere Dinge passieren, bis Atlantis am Ende des Films dann im Meer versinkt.

Was mir jetzt jedenfalls an der Darstellung der alten Griechen, und wir reden hier vom Griechenland der Sagenzeit, auffiel, ist erstens mal, dass „die Griechen“ als homogenes Volk, quasi als Nation, beschrieben werden, was sie zu der Zeit noch lange nicht waren. Ebenso haben die Griechen hier eine Demokratie, denn der Held des Films . Demetrios, erklärt der atlantischen Prinzessin, dass es in Griechenland keine Könige oder Prinzessinnen gäbe.
Ebenso gäbe es keine Sklaven in Griechenland.

Ich weiß nicht wie es dem geneigten Leser geht, aber bei dem Wort „Sklave“ fallen mir als erstes die Sklaven in der antiken Welt ein. Spartakus, dem der Sklavenaufstand in Rom zugeschrieben wird zum Beispiel, aber eben auch die Sklaven im antiken Griechenland.
Abegesen davon, dass es damals kein „Griechenland“ in dem Sinne gab, sondern nur eine ganze Masse von Stadtstaaten, die mehr oder weniger miteinander in Konkurrenz standen, und dass diese Stadtstaaten – jedenfalls in der Zeit in der die griechischen Heldensagen spielen – von Königen regiert wurden, so kann man doch bei aller erzählerischer Freiheit nicht so tun, als ob es im antiken Griechenland nie nicht keine Sklaven gibt.

Gut, es handelt sich um einen alten Film, da kann sowas ja passieren, mag man sich denken, und „Atlantis – der verlorene Kontinent“ hat dann auch noch andere Stellen, bei denen sich ein Historiker an den Kopf fassen mag. Sieht es denn heute anders aus? Wird Griechenlands Antike realistischer geschildert?

Hm. Nicht wirklich. Man sehe sich nur den Film 300 an. Auch da wird der Film so erzählt, als gäbe es in Griechenland keine Sklaven, und als wollten die bösen Perser die Sklaverei einführen, wenn Griechenland zum Protektorat Großpersiens wird. In 300 ist davon die Rede – und zwar mehrmals und mit jeder Menge schmalzigem Patriotismus hinterlegt – dass alle Griechen „freie Männer“ seien, sogar die Frauen.

Woran liegt nun dieses über Jahrzehnte der Filmemacherei konsequent durchgeführte Verschließen der Augen vor den unangenehmen Seiten des antiken Griechenlands?

Ich hab da so eine Theorie:
1. Wenn Amerikaner an Sklaverei denken, denken sie nicht als erstes an die alten Griechen und Römer, wie ein Europäer es tun würde. Sie denken statt dessen an die Versklavung von Menschen aus Afrika im eigenen Lande.
Vielleicht ist es daher schon generell für Amerikaner einfacher die Sklaverei der Antike einfach gedanklich „auszublenden“.
2. In den USA scheint man sich mit den antiken Griechen identifizieren zu wollen: Man sieht sich dort gerne als „Wiege der Demokratie und Wissenschaft“, und nicht umsonst sieht der Regierungsbezirk von Washington aus wie ein einziger, klobiger, griechischer Tempel.
Und wenn man sich mit etwas identifiziert, dann neigt man wohl auch dazu, es in besonders schönen Farben zu malen, und die unschönen Stellen wegzulassen. Nichts anderes machen wohl amerikanische Filmemacher.

Nervig, aber was kann man schon dagegen tun?

Keine Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment

Powered by WordPress | Aeros Theme | TheBuckmaker.com WordPress Themes

Better Tag Cloud