Sep
05
2009

Mistundverflucht!

Vor ein paar Tagen saß ich morgens im Zug von Niebüll nach Westerland, und mit mir im Zug war ein Ruhestörer.
Da ich sonst gerne noch eine dreiviertel Stunde im Zug penne, ist mir das besonders aufgefallen. Auch wenn ich sonst ebenfalls gerne mal Probleme mit dem Schlafen habe, weil ich etwa hinter irgendwelchen Frauen sitze, die schon so früh am Morgen eine laut lachende Kaffeegesellschaft feiern, war es diesmal doch um ein Stück bemerkenswerter.

mistund

Es handelte sich um einen Mann etwa Mitte dreißig. Er trug eine Schirmmütze und schob ein Fahrrad. Zuerst wollte er mit seinem Drahtesel in ein normales Abteil, hatte dann jedoch ein Einsehen, und blieb statt dessen zwischen den Abteilen bei der Türe stehen.
Etwa 5 Minuten verhielt er sich ruhig, dann fing er an herumzubrüllen.

“Achtung! Achtung! Alle müssen das Schiff verlassen! -Ach das ist ja gar kein Schiff, ich bin ja nur dämlich. Bin ich dämlich, oder herrlich?”

Alles vorgetragen im Tonfall eines Ausbilders in einem Bootcamp der US-Marines.
Natürlich antwortete keiner, alleine schon wegen der sprichwörtlichen Zurückhaltung der Nordfriesen, und nicht zuletzt, weil sich keiner angesprochen fühlte.
Der Ruhestörer schien sich ähnliche Gedanken zu machen, und brüllte:

“Ja, jetzt reden sie platt, die Fischköppe! Aber ich kann auch bairisch! …Grüß Gott! öhm… Servus!”

Noch immer keine Erwiderung, warum auch? Wer sich von solch ungezielten verbalen Splittergranaten beleidigen lässt, der hat wohl seinen Morgenkaffee nicht vertragen.
Ich dachte mir derweil, dass der Mann bestimmt an dem Tourette-Syndrom leide, und sein Tick ihn dazu zwinge zusammenhangloses Zeug zu brüllen.
Na ja, etwas später ging es dann weiter im Programm:

“Ihr könnt ja noch nichtmal putzen. AAber Geldverdienen wollt ihr!”

Aha. Jetzt wurde mir auch klar, an welche Zielgruppe das Gebrabbel ging. Weiter hinten im Abteil saß nämlich eine Putzkolonne, die sich nett mit einigen Handwerkern unterhielt. Eine ähnliche Kaffeegesellschaft, wie ich sie oben erwähnt habe. Diese ließ sich jedoch auch nicht wirklich stören, sondern redete munter, wenn auch etwas leiser, weiter.

“Den Neandertaler hat’s nie gegeben, aber ihr wohnt ja auch in einer Höhle!”

Da wurde es dann offenbar einem der Handwerker zu dumm. Mit einem leisen “So jetzt reicht’s aber!” stand er auf.
“Mach keinen Scheiß!”, sagte eine der Putzfrauen. “Nachher ist der krank!”
“Ist mir schnuppe, ob der krank ist!”, erwiderte der Handwerker und schritt aus dem Abteil auf den Radfahrer zu.
“Du hältst jetzt sofort die Klappe, sonst gibt’s was auf’s Maul!”, forderte er den Ruhestörer auf.
Der antwortete ein wenig kleinlaut: “Scheiße, scheiße, Schnauze!”
“Ja, genau! Klappe, sonst Beule!”, bestätigte der Handwerker wieder, und ging wieder an seinen Platz, auf den er sich wütend murmelnd setzte.
Ab dann war Ruhe. Also doch kein Tourettesyndrom. Meines Wissens lässt das den Tick nicht bei Gewaltandrohung verstummen.
Stellt sich die Frage, warum dieser Mann den Drang verspürte früh morgens den Zug zusammenzubrüllen und sinnlos und unzusammenhängend Leute zu beleidigen.
Ging es ihm einfach nur um die Aufmerksamkeit? Hat seine Freundin oder sein Freund ihn verlassen? Ist er am Ende gar von einer Sylter Reinigungskraft verlassen worden? Oder was?
Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Ich hätte den Ruhestörer ja fragen können, aber als ich auf dem Bahnsteig an ihm vorbeikam, unterhielt sich schon ein Polizist mit ihm.

Written by Heiko C. in: Friesisches,Gesellschaftliches,Psychologisches | Schlagwörter:

1 Kommentar »

  • Birger

    Moin.

    Was erlebst du denn im Zug? Vielleicht sollte ich auch mal einen Zug später nehmen. Das klingt ja witzig … hmm … naja, vielleicht auch nicht. Frage ihn das nächste mal! Das interessiert mich nun … und bringe einen 2. Teil raus! Ist doch bestimmt genug Stoff für eine Trilogie?! ;-)

    Kommentar | 5. September 2009

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