Aug
08
2009

Zauberhafte Parallelgesellschaften I.

Okay, ich oute mich mal. Ich lese gerne Fantasy, auch wenn sie schelcht ist, so wie Twilight. Oder für Kinder, so wie Harry Potter. Oder vielleicht auch gerade weil.

Phantastische Literatur – also Fantasy und auch Science Fiction – für Kinder unterscheidet sich sehr oft sowieso nur durch ein Fehlen von – ich nenn’s mal – Liebesszenen von der für Erwachsene.
Gut, manchmal ist gerade Science Fiction für Erwachsene auch wissenschaftlicher und komplizierter, während die für Kinder und Jugendliche eher einfach gestrickte Space Operas sind.
Bei Fantasy verhält es sich ähnlich. Nimmt man aus Twilight zum Beispiel die Vampire raus, hat man ein ganz herkömmliches Mädchenbuch, dass nach dem Romeo und Julia-Prinzip gestrickt ist, wie es sie zu Hauf gibt.
Die lese ich im übrigen nicht. Vampire, Elfen oder Aliens müssen schon drin sein, damit ich mich dafür interessiere. Oder wenigstens Raumschiffe.
Harry Potter ist auch, wie ich früher schon erwähnte, weibliche Literatur, aber trotzdem für eine Jugendbuchreihe erstaunlich episch.
Die Welt, die Joanne K. Rowling entworfen hat, ist nicht wirklich was neues, Zauberlehrlings-Schulromane gab’s auch schon öfter. Allerdings ist sie schön detailliert, auch wenn sie an Stellen keinen rechten Sinn ergibt.

Nun hab ich neulich also wieder mal den ersten Band gelesen.
Gleich am Anfang fällt einem auf, dass die Lebenssituation von Harry Potter arg übertrieben ist. Er ist nicht nur Vollwaise, und muss bei Onkel und Tante wohnen, die ihn beide schon als Säugling verabscheuen, nein, diese bringen ihn auch noch in der Besenkammer unter, lassen ihn kaum was essen, und von ihrem Sohn Dudley (Name? Na ja, gibt ja auch Dudley Moore…) terrorisieren. Außerdem wird sein Geburtstag nicht gefeiert, er soll auf eine billigere Schule kommen als Dudley und bekommt gerne mal eine alberne Frisur geschnitten.
Noch ein bisschen mehr Elend? Nein? Reicht?
Ich bin der Meinung, dass es schon viel zu viel ist. Weniger ist manchmal mehr, und mit einer eher moderat elenden Lebenssituation, könnte sich der Leser auch mehr mit der Hauptfigur identifizieren.
Das macht man zwar so auch, aber eher, weil man sich für den ungerecht behandelten Underdog beim Lesen quasi einsetzen möchte.

Na ja, ich gehe mal davon aus, dass alle, die dieser Artikel interessiert das Buch schon kennen, darum springe ich jetzt mal ein wenig zu einigen Stellen, die ich nicht so schlüssig finde. Ich möchte an dieser Stelle davor warnen, dass ich die Harry Potter Reihe ein klein wenig auseinandernehmen werde:

Manchmal, so wird im Buch, haben Muggel, also magisch unbegabte Normalsterbliche, Kinder, die magisch begabt sind. Harrys Strebersidekick Hermine ist so ein Kind.
Manchmal haben magische Eltern auch ganz normale Kinder, welche nicht zaubern können, die nennen sich Squib. Diese Squib leben auch unter Muggeln, während die magischen Muggelkinder zum Zauberer ausgebildet werden.
Außerdem gibt es irgendein Gesetz zur “Geheimhaltung der Magie”, das besagt, dass Muggels nicht wissen dürfen, dass es da eine ganz andere fantastische Parallelwelt gibt mit Zauberei und so.
Warum, die das nicht wissen dürfen ist eine Sache: “Nachher wollen die, dass wir ihnen alles zurechtzaubern, und die ruhen sich aus!” Aha. Zauberer sind also neoliberal. Schön. Was wäre aber so schlimm dran, wenn Zauberer und Nicht-Magier zusammen daran arbeiten die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Stört zum Beispiel Umweltverschmutzung die Zauberer nicht? Oder Reaktorsicherheit? Oder Kriege in der Welt? Irgendwie scheinen solch weltliche Themen die Zauberer tatsächlich nicht zu interessieren. Und die Wirtschaftskrise?
Auch die wird die Zaubererwelt nicht interessieren, denn die haben nicht nur ihr eigenes Währungssystem – das international zu sein scheint – sondern eine komplett autarke Wirtschaft, die kaum Überschneidungen mit der der Muggel zu haben scheint.
Statt also die magischen Ressourcen dafür aufzuwenden die Welt für alle besser zu machen, nutzt man Unmengen dafür, eine eigene – zum Teil noch nicht einmal magische – Wirtschaft zu betreiben, und die eigene Existenz mit allen Mitteln geheim zu halten.
Gehen nicht magische Gegenstände auch mal verloren? Erzählen nicht Muggeleltern oder Squib manchmal von ihren Zaubererfreunden? Fliegt ein Drache nicht auch mal über eine Großstadt, und richtet Verwüstungen an? Sowas bringen die Zauberer dann wieder in Ordung – oder tarnen es als Reaktorunfall – löschen Gedächtnisse und so weiter.
Und wie ist es wenn normale Menschen sich magische Krankheiten einfangen? Für Zauberer gibt es da eine komplett eigene Medizin. Irgendwie ist das alles ziemlich asozial.

Aber in der Zaubererwelt bekommt man von der Menschenwelt ja auch nicht viel mit. Und das obwohl die Menschenwelt so viel größer und überall um die Zaubererwelt herum ist. Wird also auch die Muggelwelt ein Stück weit vor den Magiern geheimgehalten? Auch das scheint so zu sein. Muggel sind die Mühe einfach nicht wert sich mit ihnen zu befassen, und über sie kursieren vielfach nur Vermutungen und Vorurteile beim Durchschittszauberer. Es gibt zwar einen Studiengang der “Muggelkunde”, aber solche die den belegen, gelten wohl eher als Exoten.

In der Romanwelt der Bartimäusreihe von Jonathan Stroud ist das ganze besser gelöst. Dort agieren die Magier ganz offen, obwohl die auch dort die Minderheit darstellen. Mehr noch: Die Magier beherrschen die nichtmagischen Menschen, und sehen sie als minderwertig an.
Das ist zwar auch nicht das, was ich ideal nennen würde, es ist aber zumindest ehrlich.
Ich denke, dass J.K.Rowling sich aus dramaturgischen Gründen dafür entschieden hat, die Welt so aufzubauen, wie sie es getan hat. Der Leser sollte seine eigene Welt als Ausgangsbasis haben, und dann langsam in die magische Welt eintreten können. Das ist ihr gelungen. Trotzdem wirken die Zauberer aufgrund ihres Gesellschaftssystems alle wie blasierte arrogante Arschlöcher.

Der nächste Punkt, und die große Schwachstelle der ganzen Serie, ist der Bösewicht: Lord Voldemort nennt er sich, und eigentlich heißt er Tom M. Riddle. Das M steht in der deutschen Version übrigens für Vorlust. Fragt nicht. Übersetzungsschlamperei.
Wer ist nun also dieser Bösewicht? Im ersten Buch erfahren wir in etwa folgendes:
Er ist böse. Er sollte eigentlich tot sein. Er hat die Zaubererwelt in zwei Fraktionen gespalten, von denen die eine böse war, und die andere gut.
Er hängt am Hinterkopf eines Lehrers, und scheint irgendwie körperlos zu sein.

Lord Voldemort kommt herüber wie eine Mischung aus Sauron, dem Imperator von Star Wars, Adolf Hitler und Sauron. Und Sauron.
Auch Sauron ist irgendwie körperlos, bekommt aber noch viel mit, und sieht alles, was er sehen muss, und ist mächtig und alle haben vor ihm Angst.
Auch Sauron taugt meiner Meinung nicht zum Bösewicht. Zu wenig Substanz vor der man Angst haben könnte. Bei Voidemort ist es so ähnlich. Man erfährt vorerst viel zu wenig über ihn.
Am Ende des ersten Bandes taucht Voldemort zwar auf, und stänkert ein wenig herum, jedoch nur als Gesicht, dass jemandem aus dem Hinterkopf wächst, und mühsam Anweisungen geben muss.
Das ist dumm.

Im großen und ganzen war der erste Band aber eine spannende Lektüre. Wohl auch weil Voldemort nicht sehr lang auftaucht, und die Einführung in die (unlogische) Welt recht gut gelungen ist.

Written by Heiko C. in: Bücher,Kurzrezensionen | Schlagwörter: , ,

5 Kommentare »

  • Ach komm. Ist halt “nur” ein Kinderbuch.
    Die nachfolgenden Bücher wurden bestimmt auch mit Blick
    auf jüngere Erwachsene geschrieben.
    Die Storry das da von Anfang an 7 Bücher geplant wurden etc.
    ist doch nur Marketing….

    Der Hobbit ist ja auch ein Kinderbuch,
    und mit dem Herrn der Ringe nicht zu vergleichen,
    obwohl dies der Nachfolger ist. Doch hier ist die Sache auch genau andersherum. Tolkien hatte eine Welt in der er ein Kinderbuch angesiedelt hatte.
    Rowlings hat ein Kinderbuch geschrieben und dann diese Welt ausgebaut.
    Und der erste Teil ist wirklich ein seltsames Buch.
    Aber vielleicht ist es auch deshalb so erfolgreich geworden,
    weil es kein logisch durchgestyleter 0815 Roman war….

    Kommentar | 8. August 2009
  • Die Geschichte war doch dafür gedacht, dass JK sie ihren Kindern vorliest. Jetzt weiß ich nicht wie alt die waren, aber wenn sie nur vage Andeutungen über die Schlechtbehandlung von Harry gemacht hätte, dann wäre die Geschichte nicht verstanden worden. Also hat sie schön übertrieben – so übertrieben, dass man als Erwachsener fast schon schmunzeln muss.

    Die logischen Fehler sind bei so einer “Mischwelt” Story schwer zu vermeiden glaube ich und auch da – die Kinder wirds nicht interessieren.

    Zum Bösewicht – ich denk mal am Anfang hatte Sie noch nicht so die Ahnung, wie es denn weiter gehen soll. Zumindest im ersten Band. Also ist der mehr vage gehalten und man darf nicht über ihn reden.

    Kommentar | 9. August 2009
  • Halli Hallo, Toller Artikel. Kann gar nicht genug von Harry Potter bekommen.

    Kommentar | 9. August 2009
  • Guter Artikel – stimmt.

    Aber einen Einspruch habe ich: Sauron sowie Voldemort sind beide unheimlich gerade WEIL sie so unbekannt und körperlos sind.

    Man kann sich halt viel hineininterpretieren.

    Dennoch muss ich sagen, dass ich weder von Potter von vom HdR ein soo großer Fan (mehr) bin. Definitiv beides overrated ( nicht schlecht, aber den Hype nicht wirklich gerecht)

    Kommentar | 9. August 2009
  • Dingens bumens

    Also:Is ja mal so das “Nachher wollen die, dass wir ihnen alles zurechtzaubern, und die ruhen sich aus!” die offizielle Devise ist. (Muß das Zitat noch mal nachschlagen, hab’s nicht in Erinnerung). Vielmehr hatte ich beim Lesen den Eindruck als wären die Welten so grundverschieden das die Nichtmuggel immer wieder überrascht sind das es Muggels überhaupt gibt. Das sind zwei Welten. Zwei Planeten die sich nur zufällig die selben Koordinaten teilen. Die Muggels und die Nichtmuggels haben zu wenig Berührungspunkte um die selben Probleme zu haben. Deswegen sind so Leute wie Herr Weasly auch so begeistert wenn sie ein Muggelartefakt in die Finger bekommen. Weil sie in Ihrer Welt garnicht drauf kommen das man sowas überhaupt bauen kann. Ist wie bei Computernutzern und Internetausdruckern. Die leben ja auch nicht in der selben Welt.
    Und mal ganz ehrlich, wenn ich zaubern könnte wär ich auch so ein bischen in anderen Spähren. Man könnte mic dann eventuell möglicherweise auch als überheblich bezeichnen. Und ich käme definitiv nicht auf die Idee das Leben anderer verändern zu wollen. Wenn ich denn von Irgendwelchen Problemen überhaupt was mitbekommen würde in meinem Häuschen in der Winkelgasse oder auf dem Land.
    In diesem Sinne und DFTBA

    Kommentar | 9. August 2009

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