Jan
11
2009

Gottlos fluchen

OKay, nun bin ich also vom Agnostizismus zum Atheismus gekommen. Ich mein: Der Sohn Gottes und einer verheirateten (!) Jungfrau (!!) macht Wasser zu Wein, und kommt von den Toten wieder. Wenn ich ehrlich bin habe ich das noch nie wörtlich und auch schon länger nicht mehr im übertragenen Sinne geglaubt. [Nachtrag: Vor allen Dingen was soll das denn bedeuten, wenn’s im übertragenen Sinne ist? Ergibt das für irgendwen einen Sinn? Oder diese Sache mit der Dreifaltigkeit, was soll das?] Vielleicht, habe ich eine Zeitlang gedacht, gibt es ja sowas wie ein kollektives Bewusstsein, aius dem wir alle hervorgehen, und in dem wir auch alle wieder enden, wenn wir sterben. Ich glaube an sowas hin und wieder mal mehr und mal weniger.
Was hätte dieser Wischiwaschi-Pantheismus aber mit dem Christentum oder auch nur einem Glauben an einen herkömmlichen Gott zu tun? Eben: Nöchts.
Also was rede ich mir noch ein evangelisch zu sein? Ist doch eh alles nur ausgedacht, oder? Also werde auch ich dem Beispiel einiger anderer großer Denker (Muhaha!) folgen, und aus der Kirche austreten, auch wenn Pastoren nette Leute sind, und die Kirchen immer Leuten zu helfen versuchen.
Problem des neugewonnenen Atheismus: Wie zum Teufel soll ich fluchen? Seht ihr? Geht nicht, verdammt noch eins. Sowohl der Teufel als auch die Verdammnis selbst sind Konzepte die aus dem Christentum, oder zumindest doch aus der Religion hervorgehen. Ohne diese zu fluchen erscheint allerdings ziemlich schwer zu sein, oder zumindest ziemlich dämlich zu klingen.
Verbimst noch eins! Verflixt und zugenäht! Auch „Zum Henker!“ klingt nicht so recht in einem Land ohne Todesstrafe. Gut, wenn die EU-Verfassung irgendwann in Kraft tritt, haben wir wieder die Todesstrafe, vielleicht gehts dann besser, sollte ich dann noch im Gebiet der EU wohnen. Aber wie fluche ich in der Zwischenzeit? „Verdammte Axt!“, war bisher immer meine Leib- und Magenverwünschung. Aber das geht ja auch nicht mehr, und „Verflixte Axt!“ klingt irgendwie grenzdebil.
Die einzige Zuflucht beim Fluchen ohne Gott sehe ich in der Fäkalsprache. Sie als einzige hat genug Kraft mit der Religion mitzuziehen. „Scheiße! Scheißdreck!“, mag zwar ungehörig klingen, hat aber Kraft. Und das ist wichtig für Kraftausdrücke. Kennt jemand andere Kraftausdrücke ohne Gott? Vielleicht etwas wo man nicht unbedingt wie ein Droschkenkutscher aus der Kaiserzeit klingt?
Ich glaube sonst bleib ich so lange bei „Gna!“ Obwohl … wie schreibt Professor Wikipedia: „Gna gehört zu den Asen der nordischen Mythologie und ist Dienerin und Botschafterin der Göttin Frigg. Gna überbringt die Botschaften auf ihrem Pferd Hófvarpnir („Hufwerfer“), mit dem sie durch die Lüfte und übers Wasser reitet.“

…sollte es soweit kommen, dass ich auf die Frage nach der Konfession antworte „Ich bin zwar Atheist, aber ich brauche Gott zum Fluchen“ ???
Eine andere Frage ist die, was mit den ganzen Grufties ist. Sicher ist ein nicht unbeträchtlicher Anteil von denen atheistisch auch wenn überraschend viele Anhänger der Gothic Szene gläubige Christen sind. Aber betrachten wir uns nur den atheistischen Anteil. Warum die Kreuze und all das? Und die Pentagramme? Weils schön ist? Eine Aussage oder tiefere Bedeutung wird wohl kaum dahinter stecken, denn so wie „Himmelverflucht noch eins!“ ein Wort der Kraft ist, sind sowohl das Kreuz als auch das Pentagramm (und es ist egal wie rum) Symbole der Kraft. Und zwar Symbole der übernatürlichen Kraft. An das Kreuz wurde bekanntlich ein Herr Christus aus Nazareth genagelt, und das Pentagramm… Nun wo kommt das her? Ebenfalls aus der christlichen Symbolik? Oder aus dem Judentum?
Bei Wikipedia lesen wir:

Das natürliche Abbild des Pentagramms ist der fünfzackige Stern, im Kerngehäuse (engl. core), der sich beim (Quer-)Schnitt durch den Apfel offenbart. Es versinnbildlicht die griechische Göttin Kore, die im Herzen der Erdmutter (Demeter) ruht. Die jungfräulichen Göttinnen wurden u.a. in Anatolien als ‚Hebe‘ und in Assyrien als ‚Eveh‘ verehrt. Diese Namensähnlichkeit mit der biblischen ‚Eva‘ ist sicher nicht zufällig, zumal ‚Eveh‘ in Babylon als ‚göttliche Herrin Edens‘ verehrt wurde.

Scheints das Pentagramm ist älter als die semitischen Religionen, hat aber nichtsdestowenigertrotz etwas mit diversen Gottheiten zu tun. (Immer mal angenommen, dass die vielen Tausend Grufties in Deutschland nicht grade Werbung für frische Äpfel machen wollen.) Also warum, wenn ich schon Atheist bin, schmücke ich mich mit den Symbolen der Gläubigen?
Das ich das nicht weiß ist zum Fluchen. Ich weiß bloss nicht wie ich fluchen soll… Gna! Ach Mist!

1 Kommentar »

  • Puuh, da bin ich ja froh, dass ich nicht alleine bin! Hast du inzwischen eine Lösung? Es gibt zwar genügend Möglichkeiten in Jugend-, Vulgär- oder Fäkalsprache ordentlich atheistisch zu fluchen … aber in gepflegterer Gesellschaft kommt man kaum drumrum (oder klingt halt wie jemand der stocksteif ist).

    Comment | 24. Februar 2016

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